BUDDHISTISCHE PRINZIPIEN 4



 

JUJI SOKU KANJIN

(Die Annahme des Gohonzons in sich selbst ist Erleuchtung)

Nam-Myoho-Renge-Kyo ist das allem zugrundeliegende Gesetz, aus dem alle Buddhas hervorgehen. Entscheidend ist bei der Erkenntnis des fundamentalen Gesetzes, das die Ursache zur Erleuchtung aller Buddhas ist, also nicht die strenge Ausübung über zahllose kalpas, sondern die Tatsache, dass die Buddhas zu dem allem zugrunde liegenden Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo erleuchtet wurden. Die buddhistische Ausübung des Späten Tages bedeutet, unmittelbar das Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo anzunehmen und auszuüben. Im Buddhismus Nichirens ist es daher nicht erforderlich, über zahllose kalpas hinweg strenge Ausübungen durchzuführen, um die Buddhaschaft zu erlangen.

Nichiren sagt in der Gosho 'Das Wahre Objekt der Verehrung': "... aber in der Essenz bedeuten sie, dass Shakyamunis Ausübungen und Tugenden, die er dadurch erlangte, alle in dem einen Satz Myoho-Renge-Kyo enthalten sind. Wenn wir an diesen Satz glauben, werden wir natürlich dieselben Wohltaten erlangen wie er."[1] Alle Ausübungen Shakyamunis und aller Buddhas (über Zeit und Raum) zur Erlangung der Buddhaschaft und die Tugenden, die sie dadurch erlangten, sind in Nam-Myoho-Renge-Kyo enthalten. Wenn wir daher die fünf Schriftzeichen des Mystischen Gesetzes annehmen, erlangen wir auf natürliche Weise die positiven Wirkungen sowohl der Ausübung als auch der Tugenden von Shakyamuni und allen Buddhas – somit ist es sicher, dass wir die Buddhaschaft erlangen. Das ist das Prinzip "Den Gohonzon anzunehmen, ist bereits Erleuchtung". Es wird auch als "Verwirklichung der Buddhaschaft, so wie man ist" und als "unmittelbare Erleuchtung" bezeichnet.

Nichiren sagt, dass es für einen Menschen, der das Mystische Gesetz annimmt, "nicht schwer ist, Buddha zu werden".[2] Durch die Lehren Nichirens ist für alle der Weg zur Buddhaschaft offen. Die Verwirklichung der Buddhaschaft liegt also nicht in der Zukunft oder in weiter Ferne. Der Buddhismus Nichirens ermöglicht allen Menschen, die Buddhaschaft in diesem Leben zu erlangen.

Die Lehre "Den Gohonzon anzunehmen, ist bereits Erleuchtung" ist eine revolutionäre Sicht der Erlangung der Buddhaschaft. Josei Toda sagt: "Im Gegensatz zu den Buddhas des Hoben-Kapitels, die viele Millionen Jahre lang strenge Ausübungen durchgeführt haben, besteht unsere Ausübung zur Erlangung der Buddhaschaft darin, dass wir einfach an den Gohonzon glauben und den einen Satz Nam-Myoho-Renge-Kyo rezitieren."

Selbst wenn man Nam-Myoho-Renge-Kyo nur ein einziges Mal rezitiert, liegt darin unvorstellbares Glück. In dem Augenblick erhalten wir sämtliche Wohltaten, die alle Buddhas durch ihre Ausübung über viele Existenzen und einen sehr langen Zeitraum hinweg erlangt haben. So großartig ist das Mystische Gesetz.

Nach konventioneller buddhistischer Auffassung gleicht der Prozess bis zur Erleuchtung einem steil ansteigenden Bergpfad zur Spitze der Buddhaschaft, die in weiter Ferne liegt. Die Lehre Nichirens dagegen ermöglicht allen Menschen, sofort den Gipfel der Erleuchtung zu erreichen. Vom Buddhazustand aus können wir dann auf die Berge weit unter uns schauen und unseren Blick über das Panorama um uns herum schweifen lassen.

Wir können diesen unendlich weiten Zustand der Buddhaschaft direkt erlangen – jetzt und da, wo wir sind. Dann erzählen wir anderen von dieser belebenden Erfahrung, diesen Lebenszustand zu manifestieren. Diese Ausübung ist die Quintessenz des Buddhismus Nichirens.[3]

 
Wenn unser Herz darauf gerichtet ist, "den Buddha zu sehen" , dann sind wir ohne jeden Zweifel von dem immensen Mitgefühl des Buddhas umgeben.

Das "dann" heißt nicht "irgendwann" oder "in der Zukunft". Es bedeutet das Erlangen der Buddhaschaft durch das Prinzip von "das Gesetz annehmen ist Erleuchtung". Wenn wir mit starkem Glauben an den Gohonzon aufstehen, dann – zu dem Zeitpunkt, genau in dem Augenblick – tritt das Leben des Buddhas in uns zutage. Der Platz, an dem wir sind, wird zum Adlergipfel, zum Land des Buddhas. Das ist der Ort, an dem der Buddha wohnt.

Nichikan Shonin sagt: "Wenn man Nam-Myoho-Renge-Kyo im Glauben an den Gohonzon chantet, wird das Leben sofort zum Objekt der Verehrung von ichinen sanzen : es wird das Leben Nichirens."

Das Leben des Gohonzon, das Leben Nichirens, manifestiert sich sofort in uns. Es gibt keine größere Wohltat!

(...) Der Gohonzon ist eine "Ansammlung von Wohltaten". Er enthält alle Wohltaten. Unser Herz, unser Glaube und unsere Ausübung sind der Schlüssel zum gesamten Universum. Das wahre "Objekt der Verehrung" von "sein eigenes Herz sehen" (kanjin) ist das Objekt der Verehrung des Glaubens. Nichts zählt mehr als der Glaube.[4]

 
Die Meditation steht im Buddhismus Nitschiren Daischonins für den Begriff "Kanjin"[5], der der philosophischen Auslegung des Sutras, dem "Kyo-so" (Sutra-Exegese) gegenübergestellt wird. Kan-jin ist die praktische Ausübung, die darauf abzielt, die Erleuchtung des Buddhas im eigenen Leben zu erlangen.

(...) Nitschiren Daischonin hat seine Erleuchtung von Nam-Myoho-Renge-Kyo bzw. den Zustand von Ichinen Sanzen in der tiefsten Ebene des Lebens in Form des Gohonzons eingeschrieben. Wenn wir zu diesem Gohonzon Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, sind wir sofort mit dem eigenen ewigen, reinen und unzerstörbaren Leben konfrontiert und können dieses direkt aktivieren. Unsere Konfrontation mit dem Gohonzon könnte man vergleichen mit einer Waschmaschine, die wir ohne Kenntnis ihrer Systemfunktion einfach einschalten, um die Wäsche zu waschen. Daher sagt der Daischonin: "Shakyamunis zwei Gesetze von Ausübungen als Ursachen und Tugenden als ihren Wirkungen sind in den Fünf Silben von Myoho-Renge-Kyo vollkommen enthalten. Wenn wir diese Fünf Silben vollkommen annehmen, so erhalten wir all die Wohltaten und Tugenden von jenen Ursachen und Wirkungen natürlich übertragen."[6] Weiter: "Große Barmherzigkeit für jene zeigend, die das Juwel von Ichinen Sanzen nicht kennen, hüllte der wahre Buddha es in die Fünf Silben und hängt sie an die Hälse der Menschen im Späten Tag des Gesetzes."[7]

Wir brauchen also – nachdem der Gohonzon als Verkörperung der Erleuchtung des Buddhas existiert – nicht mehr die ‘unveränderliche Wahrheit' zu suchen und können uns diese jahrelange Suche ersparen. Wir machen sofort von der 'Weisheit' des Buddhas Gebrauch, um in unserem Alltagsleben neue Werte zu schaffen. Gerade in diesen Bemühungen sind wir mit der Frage konfrontiert, wieweit wir den Glauben an den Gohonzon vertiefen können (Ishin-daie – 'Die Weisheit durch Glauben ersetzen'). Der Gohonzon ist der Gohonzon des Kan-Jin, das Objekt der Verehrung, um unser Herz zu schauen, also die Buddhaschaft hervorzurufen. Die buddhistische Ausübung der Meditation bedeutet heute, den 'Gohonzon anzunehmen und beizubehalten' (Juji-soku-kanjin). Den Gohonzon voll anzunehmen bedeutet, sich die Erleuchtung des Buddhas anzueignen, und den Gohonzon beizubehalten heißt, sich unter allen Umständen auf ihn zu verlassen und die Ausübung für sich und für andere konsequent fortzuführen.[8]

 
Nichiren Daishonin offenbart uns, dass "die Annahme des Gohonsons in sich selbst Erleuchtung ist" (Juji soku kanjin). So erklärt er die Kraft des Gohonsons. Den Gohonson anzunehmen, beizubehalten und Daimoku zu chanten, führt uns zum Kern des Lebens und der Verwirklichung der Buddhaschaft. In der Gosho "Das wahre Objekt der Verehrung" zitiert Nichiren Daishonin einen Abschnitt aus dem Muryogi-Sutra, um die Nutzen zu erläutern, die wir erhalten, wenn wir den Gohonson annehmen und beibehalten. Der Abschnitt lautet: "... Sie werden auf natürliche Weise die Nutzen der sechs Paramitas erhalten, ohne dass Sie sie ausüben müssen." Die sechs Paramitas sind das Anbieten von Almosen, die Einhaltung der Gebote, Enthaltsamkeit, Fleiß, Meditation und die Erlangung von Weisheit. Die traditionellen buddhistischen Lehren vertraten die Auffassung, dass man sie nur durch die Durchführung strenger Übungen während vieler Äonen erlangen könnte. In derselben Gosho aber schreibt Nichiren Daishonin: "Shakyamunis Übungen und die Tugenden, die er deshalb erlangte, sind alle in dem einen Ausdruck Myoho-Renge-Kyo enthalten. Wenn wir an diesen Ausdruck glauben, werden uns auf natürliche Weise dieselben Wohltaten wie ihm gewährt werden."[9] Die Ausübung des Chantens von Nam-Myoho-Renge-Kyo zum Gohonson enthält in sich alle Ausübungen, die von Shakyamuni und allen anderen Buddhas durchgeführt worden waren, wie auch die Nutzen innerhalb eines einzigen Lebens erlangen, ohne Äonen zahlloser Übungen zu durchlaufen.[10]

 
Die Weisheit des Buddhas, Nam-Myoho-Renge-Kyo, ist im Gohonson verkörpert, der alle Phänomene in sich einschließt. Wir wissen schon, dass "den Gohonson anzunehmen und beizubehalten in sich selbst die Erleuchtung ist". Wenn wir den Gohonson annehmen, beibehalten und Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, sind wir schon mit den großen Wohltaten und Tugenden ausgestattet, die Shakyamuni erst nach vielen Lebzeiten asketischer Übungen erlangen konnte. Auch brauchen wir nicht erst die vielfältigen Vorschriften zu meistern, die Shakyamunis Schülern auferlegt waren. Das Sutra lautet: "Wir haben die höchste Ansammlung von Wohltaten erhalten, als wir es am wenigsten erwarteten." Vom Standpunkt des Buddhismus Nichiren Daishonins ist "die höchste Ansammlung von Wohltaten" der Gohonson, in dem all die Tugenden und Wohltaten enthalten sind, die Shakyamuni durch zahllose Äonen asketischer Praxis erlangte. Dies ist auf der von vorne betrachtet linken Seite des Gohonsons ausgedrückt, wo geschrieben steht: "Die Wohltaten, die diejenigen erhalten, die (dem Gohonson) Gaben anbieten, werden sogar größer sein als die Tugenden der zehn Ehrentitel (des Buddhas)."

Dass "den Gohonson anzunehmen und beizubehalten in sich selbst die Erleuchtung ist", sollte niemals ein Grund für Selbstgefälligkeit sein. Manchmal scheinen die Wohltaten vom Gohonson überreichlich zu sein, und man kommt auf den Gedanken, man könne in seiner Bemühung nachlassen. Das sollte man vermeiden. Nichiren Daishonin sagt ganz klar: "Ob ein Gebet beantwortet wird oder nicht, hängt von der Stärke Ihres Glaubens ab; es ist in keiner Weise meine, Nichirens, Verantwortung."[11] Wir müssen uns dem Gohonson widmen und unsere Gebete zugleich durch verantwortliche und ehrliche Bemühungen im täglichen Leben bekräftigen.[12]


KAIGON KENNON

(Das Eröffnen des Nahen und die Enthüllung des Entfernten)

Shakyamuni sagt: "Alle Götter, Männer und asuras dieser Welt glauben, dass Shakyamuni Buddha, nachdem er den Palast der Shakyas verlassen hatte, sich zur Meditation nicht weit von der Stadt Gaya niederließ und die höchste Erleuchtung erlangte. Doch, Männer aufrichtigen Glaubens, es ist grenzenlos lang her - hundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta kalpas - seit ich tatsächlich die Buddhaschaft erlangt habe."[13] Damit erklärt Shakyamuni Buddha, dass er die Buddhaschaft nicht, wie jedermann glaubte, unter dem Bodhi Baum in Buddhagaya erlangt habe. Tatsächlich, sagt er, sei er bereits seit unfassbar langer Zeit ein Buddha. Im Vokabular der Kommentare über das Lotos-Sutra heißt die Darlegung "Das Eröffnen des Nahen und die Enthüllung des Entfernten" (jap. kaigon kennon). Sie wird auch als >hosshaku kempon bezeichnet, was soviel wie "Das Vergängliche ablegen und das Wahre enthüllen" bedeutet.

Um seinen Zuhörern deutlich zu machen, wie groß die Zeitspanne tatsächlich ist, seit er seine Erleuchtung erlangt habe, bezieht sich Shakyamuni auf die Analogie von gohyaku-jintengo. Nehmt einmal an, sagt er, jemand nähme fünfhundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta (1011), asogi (1059) bedeutende Weltensysteme (jedes Weltensystem umfasst wiederum 10003 Welten) und zermalt sie zu Staub. Nehmt weiterhin an, er würde diese gesamte Masse an Staubteilchen nehmen und sich in östliche Richtung bewegen, bis er fünfhunderttausend, nayuta, asogi Welten durchquert hat und dann ein Staubteilchen fallen lässt. Und er bewegt sich weiter in östlicher Richtung, durchquert weitere fünfhundert, tausend, nayuta, asogi Welten und lässt dort ein zweites Staubkörnchen fallen. Und auf diese Weise bewegt er sich immer weiter in östlicher Richtung und lässt alle fünfhundert, tausend nayuta asogi Welten ein Staubkörnchen fallen, bis keines mehr da ist. "Männer des aufrichtigen Glaubens", sagt Shakyamuni, "was meint Ihr? Ist die gesamte Zahl dieser Welten (die er durchquerte) vorstellbar oder zu berechnen?"
Miroku und die anderen Bodhisattwas antworteten, dass sie sich völlig ausserstande sehen, diese enorme Zahl auch nur annähernd zu erfassen, obwohl sie doch in ihrer Praxis so weit fortgeschritten sind, dass sie den Punkt erlangt hätten, an dem sie nicht zurückfallen könnten.
Dann stellt Euch weiterhin vor, fährt Shakyamuni fort, dass all die Welten, die dieser Mensch durchquert hat, sowohl diejenigen, in denen er ein Staubkorn fallen ließ, als auch diejenigen, in denen er es nicht tat - dass all diese Welten erneut zu Staub zermahlen werden. Lasst sodann jedes einzelne Staubkorn einen Zeitraum von einem kalpa darstellen (dies bedeutete in der Regel 15.998.000 Jahre). Die gesamte Zeit, die vergangen ist, seit er die ursprüngliche Erleuchtung erlangt habe, übertrifft diese Zahl noch um hundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta, asogi kalpas.
Wir haben schon im Kejoyu-Kapitel (des Lotos-Sutras) gesehen, wie Shakyamuni das Staubkörnchen-kalpa (jintengo) als Zeiteinheit benutzte. Durch die Analogie von sanzen-jintengo veranschaulichte er, wieviel Zeit seit dem Tod des Daitsu Buddhas vergangen sei. Im Fall von sanzen-jintengo beginnt das Zahlenspiel mit dem Zermalen eines einzigen Weltensystems, was tausend hoch drei (sanzen) Welten entspricht. Der Fall von gohyaku-jintengo jedoch beginnt mit dem Zermahlen von fünfhundert (gohyaku), tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta, asogi Weltensystemen. Und so schrumpft selbst die enorm lange Zeitspanne von sanzen-jintengo zur Bedeutungslosigkeit, wenn man sie mit der Länge von gohyaku-jintengo vergleicht, die hier im Juryo-Kapitel erwähnt wird. Durch solche unvorstellbar große Zahlen versucht das Sutra, einen Eindruck zu vermitteln, der über unser gängiges Vorstellungsvermögen von Raum und Zeit hinausgeht. Indem er uns so unvorstellbar weit in die Vergangenheit führt, versucht Shakyamuni, einen Eindruck der unergründlichen Tiefe seiner Erleuchtung zu vermitteln. Auf diese unglaubliche Länge an Zeit, seit er der Buddha ist, bezieht sich somit auch der Titel des Kapitels "Die Lebensspanne des Tathagata".[14]


KAISAN KEN ICHI

(Das Öffnen der drei Fahrzeuge, um das eine Fahrzeug zu offenbaren)

Während seiner frühesten Predigten erläuterte Shakyamuni die Lehren der zwei Fahrzeuge ("Fahrzeuge" bedeutet hier eine Lehre, die jemanden in einen bestimmten Zustand "trägt"). Das Fahrzeug des Lernens leitet einen Menschen dazu, den Zustand des "arhats" zu erlangen, und zwar durch das Meistern der "Vier noblen Wahrheiten". Im Zustand des arhat hat man sich von allen Illusionen und Begierden befreit und wird nicht in diese Welt wiedergeboren. Das Fahrzeug des Erkennens (engaku) führt einen dazu, den Zustand des "pratyekabuddha" zu erlangen, und zwar durch das Meistern der "Zwölfgliedrigen Kette des abhängigen Ursprungs". In diesem Zustand ist man "erleuchtet zu den Ursachen und Bedingungen". Diese zwei Fahrzeuge entsprechen den Lehren des Hinayana, und die Schüler Shakyamunis glauben, dass sie durch sie das letztendliche Ziel erreichen würden.

In den Mahayana-Lehren wies Shakyamuni die beiden Fahrzeuge zurück und lehrte stattdessen das Fahrzeug des Bodhisattwas, der sein eigenes Nirvana aus Barmherzigkeit auf unbestimmte Zeit hinaus aufschiebt und in der Welt bleibt, um leidenden Wesen zu helfen, und der seine eigene Rettung in der Befeiung aller Wesen findet.

Im Hoben-Kapitel des Lotos-Sutra allerdings eröffnet Shakyamuni, dass weder die beiden Hinayana-Fahrzeuge des Lernens und Erkennens, noch das Bodhisattwa-Fahrzeug des vorläufigen Mahayana bereits letztendliche Ziele darstellen. Das eigentliche Ziel des Buddhas dagegen sei es, alle Wesen ebenfalls zur Buddhaschaft zu führen, und zwar mit dem Fahrzeug des Buddhas. "Shariputra", sagt er, "in allen Welten der Zehn Richtungen gibt es nicht einmal zwei Fahrzeuge. Um so weniger gibt es deren drei!"

Dies war eine neuere und verblüffende Enthüllung. Etwas, was diejenigen in der Versammlung niemals zuvor gehört oder sich vorgestellt hatten. So hatten beispielsweise die Schüler des Lernens gedacht, dass nur die Bodhisattwas die Buddhaschaft erlangen würden, während sie selber nur den Zustand des arhats erreichen könnten. Doch die Äußerung, dass es das Ziel des Buddhas ist, die Weisheit des Buddhas in allen Wesen zu erwecken, zeigt, dass alle Menschen die Buddhaweisheit besitzen und in der Lage sind, selber Buddhas zu werden. Mit anderen Worten, dass die Buddhaschaft ein Potential ist, das allen Menschen der Neun Welten ausnahmslos innewohnt. Wie es schon durch die Enthüllung der Zehn Faktoren als existentiellem Muster aller Wesen gezeigt wurde, ist das universelle Potential zur Erlangung der Buddhaschaft das Hauptthema des Hoben-Kapitels und der theoretischen Lehre.

Hier stellt sich natürlich eine Frage: Es heißt, dass Shakyamuni-Buddha fünfzig Jahre lang gelehrt haben soll, und dass er erst in den letzten acht Jahren das Lotos-Sutra lehrte. Wenn es seine tatsächliche Absicht war, alle Menschen mit dem einen Fahrzeug des Buddhas zur Buddhaschaft zu führen, warum legte er diese Lehre nicht gleich zu Beginn dar, anstatt zweiundvierzig Jahre lang die drei Fahrzeuge zu lehren?

Shakyamuni fährt nun fort, diese Frage zu beantworten: Buddhas, sagt er, erscheinen in einer bösen Welt, die befleckt ist von den fünf Unreinheiten: der Unreinheit des Alters, der Begierde, der Menschen, des Gedankens und des Lebens selbst. Wenn die Buddhas das Eine Fahrzeug gleich zu beginn darlegen würden, dann würden irregeleitete Menschen, die es nicht verstehen, das Fahrzeug verleumden und in die Hölle fallen. Deshalb, sagt er, "zeigen die Buddhas durch die Macht von Hilfsmitteln Unterschiede in dem einen Fahrzeug auf und sprechen so von dreien." Das heißt, dass die drei Fahrzeuge des Lernens, des Erkennens und des Bodhisattwas die kunstvollen Hilfsmittel des Buddhas sind, durch die er die Menschen in ihrer Entwicklung zu dem Punkt geleitet, wo sie fähig sind, an das eine Fahrzeug des Buddhas zu glauben.

Dieses Thema ist im nachfolgenden Versabschnitt detaillierter ausgearbeitet. Durch die Kraft ihrer großen Weisheit erkennen Buddhas die Aufnahmefähigkeit der Menschen und Lehren sie verschiedene Hilfsmittel, durch die sie den Menschen schrittweise zur Erleuchtung führen. All die verschiedenen Lehren, die die Buddhas darlegen, sind kunstvolle Mittel, um den Menschen zu helfen, ihre Fähigkeiten zu erweitern. Ob Menschen einem Stupa Gaben anbieten, ob sie Bilder des Buddhas formen oder selbst mit abgelenktem Geist eine einzige Blume darbringen – dies alles sind Ursachen, die sie schließlich zu dem einen höchsten Fahrzeug führen werden. Und "unter denen, die von diesem Gesetz hören", erklärt Shakyamuni, "gibt es nicht einen, der nicht die Buddhaschaft verwirklichen wird."

Shakyamuni macht deutlich, dass nicht nur er, sondern alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf dieselbe Weise erst die drei Fahrzeuge gelehrt hätten, um die Fähigkeiten der Menschen zu erhöhen und um dann ihre Lehren mit dem einen Fahrzeug des Lotos-Sutras abzuschließen, dem "Dharma ohne Unterscheidung", das alle Menschen gleicher weise zur Buddhaschaft führt. Bis jetzt, sagt er, war die Zeit nicht reif, doch nun sei der Moment gekommen, wo "ich nur den höchsten Weg lehre und die vorläufigen Lehren aufrichtig ablege."

Somit sind die drei Fahrzeuge des Lernens, des Erkennens und des Bodhisattwa zugleich umfasst, als auch überwunden, nämlich durch das eine Fahrzeug, das alle Menschen zur Buddhaschaft trägt. Der Große Lehrer T'ien-t'ai nannte dies "das Öffnen der drei Fahrzeuge, um das eine Fahrzeug zu offenbaren" (kaisan ken'ichi), ein Prinzip, das er im Lotos-Sutra fortgeführt fand, und zwar in einer "präzisen Aussage" (ryakkaisan ken'ichi) als auch einer "erweiterten Aussage" (kokaisan ken'ichi). Die "präzise Aussage" besteht aus dem Abschnitt, der vom wahren Aspekt aller Phänomene handelt, also von den Zehn Faktoren des Lebens. Indem der Abschnitt die gemeinsame Basis oder das universelle Muster der Existenz, genannt die Zehn Faktoren, offenbart, deutet er auf das Potential der Buddhaschaft hin, das allem innewohnt. Die "erweiterte Aussage" umfasst das restliche Hoben-Kapitel bis hin zum Ninki, dem neunten Kapitel des Sutras.[15]

 
Im Hoben-Kapitel, dem zweiten Kapitel des Lotos-Sutras, enthüllt Shakyamuni, dass die drei Fahrzeuge des Lernens, des Erkennens und des Bodhisattwas keine endgültigen Ziele für sich darstellen, sondern "kunstvolle Hilfsmittel" sind, durch die der Buddha die Menschen zu dem Einen Fahrzeug des Buddhas führt. Er erklärt damit, dass es die wahre Absicht des Buddhas ist, es allen Menschen zu ermöglichen, denselben höchsten Zustand der Buddhaschaft zu erlangen wie er selbst. Das bedeutet gleichzeitig, dass alle Menschen der neun Welten den Zustand der Buddhaschaft innerlich besitzen und dass sie alle in der Lage sind, Buddhas zu werden.

Die Enthüllung des Einen Buddha Fahrzeugs erscheint besonders den Schülern des Lernens als sensationell, denn sie hatten niemals auch nur davon geträumt, selber Buddha werden zu können. Allein Shariputra, der "Führende der Weisen" unter den shomon-Schülern, versteht wirklich, was der Buddha sagen will.

Manchmal sind die Schüler des Lernens in drei Gruppen unterteilt – in solche der überragenden, der fortgeschrittenen und der geringeren Kapazität - entsprechend ihrer Auffassungsgabe, jenes Prinzip zu verstehen, das heißt: das "Öffnen der drei Fahrzeuge, um das Eine Fahrzeug zu offenbaren". Shariputra selbst bildet die erste Gruppe, die der überragenden Kapazität. Als er den Buddha vom "wahren Aspekt aller Phänomene" im Hoben-Kapitel sprechen hört, begreift er sofort, dass zwischen dem Buddha und den gewöhnlichen Sterblichen kein grundlegender Unterschied besteht und dass alle Menschen das Potential besitzen, Buddhas zu werden.

Da Shariputra weiß, dass die anderen die Absicht des Buddhas noch nicht verstanden haben, bittet er Shakyamuni, genauer zu erklären, wie die Drei Fahrzeuge zum Einen Fahrzeug des Buddhas führen. Daraufhin erzählt der Buddha die Parabel, der dieses Kapitel seine Überschrift verdankt.[16] In dieser Parabel aus dem 3. Kapitel "Parabel und Gleichnis" des Lotos-Sutras fängt das Haus eines reichen Mannes Feuer. Seine Kinder spielen in dem brennenden Haus und bemerken nicht die Gefahr, in der sie sich befinden. Der Vater ersinnt deshalb ein Hilfsmittel, um die Kinder aus dem Haus zu locken. Er verspricht ihnen drei Wagen – einen, der von einer Ziege, einen, der von einem Hirsch und einen, der von einem Ochsen gezogen wird. Aber als die Kinder nach draußen eilen, gibt er ihnen nur einen einzigen Wagen, der aber viel schöner und mit Juwelen verziert ist – einen Wagen, gezogen von einem großen weißen Ochsen.

In dieser Parabel repräsentiert das brennende Haus die Dreifache Welt und die Flammen die Leiden von Geburt und Tod. Der reiche Mann ist der Buddha, der in der Welt erscheint, um die Menschen zu retten. Die Kinder stehen für alle Lebewesen, und die Spiele, in die sie vertieft sind, für weltliche Vergnügungen. Die drei Wagen, die der Vater ursprünglich versprach, repräsentieren die drei vorläufigen Fahrzeuge des Lernens, der Teilerleuchtung und des Bodhisattwas. Der große weiße Ochsenwagen symbolisiert das höchste Fahrzeug der Buddhaschaft, das Lotos-Sutra.[17]

 
Im zweiten Teil des Hoben-Kapitels erläutert Shakyamuni, dass Buddhas in dieser Welt erscheinen, um das Tor zur Weisheit des Buddhas zu öffnen, die Weisheit zu zeigen, alle Menschen sie erkennen und alle Menschen zu ihr eintreten zu lassen. [Die ersten beiden Handlungen gehen vom Buddha aus (öffnen, zeigen), die nächsten beiden (erkennen, eintreten) gehen von dem Menschen aus. Der Buddha hilft ihnen dabei.] "Genau wie ich können alle Menschen gleichermaßen die Buddhaschaft in ihrem Leben hervorbringen."

Das Hoben-Kapitel bringt die Grundidee humanistischer Erziehung zum Ausdruck. Denn der Ausgangspunkt des Buddhismus ist die Erkenntnis des unendlichen Potentials jedes Menschen. Gleichzeitig lehrt er, wie die Menschen den großen Schatz der Buddhaschaft erkennen und ihn nutzen können.

Wer diesen Schatz in seinem eigenen Leben erkennt, wird ihn auch im Leben der anderen erkennen und seinen Mitmenschen mit aufrichtigem Respekt begegnen. Gleichzeitig wird ein solcher Mensch auch dazu beitragen, in anderen die gleiche Erkenntnis zu wecken.

Nachdem Shariputra und die anderen Menschen im Zustand des Lernens von dem Buddha das Hoben-Kapitel gehört haben, erlangen sie die Erleuchtung. Sie verstanden, dass der Buddha sie die ganze Zeit zur Buddhaschaft führen wollte, zu dem unendlich weiten und grenzenlosen Lebenszustand. Sie erkannten, dass die Verwirklichung des Weges der Zwei Fahrzeuge (die Welt von Lernen und Selbsterkenntnis) oder der drei Fahrzeuge (die Welt von Lernen, Selbsterkenntnis, und Bodhisattwa) nicht das letztendliche Ziel der Lehre des Buddhas waren.

Diese Lehre, die die Menschen dazu bringt, die Buddhaschaft anstelle des Weges der drei Fahrzeuge anzustreben, wird "Ersatz der drei Fahrzeuge durch das eine Fahrzeug genannt. (jap. kaisan ken 'ichi). Die Ablösung des Weges der drei Fahrzeuge durch das eine höchste Fahrzeug ist die zentrale Lehre der ersten Hälfte, bzw. der theoretischen Lehre des Lotos-Sutras. Unter den 14 Kapiteln der theoretischen Lehre – welche die Struktur der Ablösung der drei Fahrzeuge durch das eine höchste Fahrzeug bildet – ist das Hoben-Kapitel die tragende Säule.

Im Buddhismus bedeutet 'Hoben' 'geeignetes Mittel' oder 'Methoden', die Buddhas verwenden, um Menschen zur Erleuchtung zu führen. Das Hoben-Kapitel preist die Weisheit des Buddhas, die Menschen auf diesen Weg zu führen.[18]

 
Das Konzept des "Ersetzens der Drei Fahrzeuge durch das Eine Fahrzeug" fasst den Kern von Shakyamunis Predigt zusammen, deren Verkündigung im Kapitel "Hilfsmittel" in der theoretischen Lehre des Lotos-Sutras beginnt. Hier erläutert Shakyamuni die tatsächliche Funktion der Drei Fahrzeuge und enthüllt, dass es nur ein wahres Fahrzeug gibt.

Der Begriff "Drei Fahrzeuge" bezeichnet die Fahrzeuge des Lernens, der Teilerleuchtung und des Bodhisattwas – in anderen Worten, die Lehren, die den jeweiligen Menschen zu einem "Hörer der Stimme" (des Buddhas), zu einem Menschen im Zustand der Selbsterkenntnis oder zu einem Bodhisattwa zu machen. Die Lehren des Buddhas werden mit "Fahrzeugen" verglichen, weil sie Menschen zu einem höheren Lebenszustand bringen.

Das Eine Fahrzeug bedeutet die "eine und einzige Lehre". Da der Buddha seine Lehre ausschließlich zu dem Zweck verkündet, dass alle Menschen die Buddhaschaft erlangen können, wird sie auch "das Fahrzeug des Buddhas" oder "das eine Fahrzeug des Buddhas" genannt. Das kann auch in dem Sinn interpretiert werden, dass dieses Fahrzeug das Mittel bezeichnet, durch das der Buddha selbst die Erleuchtung erlangte. Das "Eine Fahrzeug" lehrt den Weg, dem der Buddha selbst gefolgt ist, und stattet uns mit demselben Fahrzeug aus, das er verwendet hat. (Saito)

Im Kapitel "Hilfsmittel" wird das eine Fahrzeug in den Begriffen der vier Aspekte der Weisheit des Buddhas erklärt: "Öffnen", "Zeigen", "Erwecken" und "Eintreten lassen". Kurz, der Buddha hat nur eine Lehre, und diese ist, allen Lebewesen den Weg zur Weisheit des Buddhas zu öffnen, zu zeigen, sie dazu zu erwecken und sie ihn betreten zu lassen. Diese vier Aspekte stellen zusammen den "einen großen Grund" dar, den einzigen Grund, warum Buddhas auf der Welt erscheinen.

Die "Weisheit des Buddhas" bezieht sich auf die Erleuchtung des Buddhas. Im Kapitel "Hilfsmittel" wird sie "Weisheit, die alle Arten von Lebewesen umfasst" genannt, da sie die höchste Weisheit ist, die die letzte Wahrheit aller Phänomene begreift. Die Erleuchtung, die man dadurch erlangt, dass man in diese Weisheit eintritt, wird höchste vollendete Erleuchtung oder 'anuttara-samyak-sambodhi‘ genannt. Das Eine Fahrzeug lehrt diese Weisheit des Buddhas. (Endo)

Weil sie Worte und Gedanken übersteigt, ist es jedoch schwer, die wahre Bedeutung dieser Weisheit des Buddhas zu verstehen. Menschen werden außerdem durch verschiedene Abhängigkeiten und Illusionen behindert. Wenn der Buddha einfach damit anfinge, ohne Einführung oder Vorbereitung das Eine Fahrzeug nach seinem eigenen Verständnis zu predigen – das heißt, der Kapazität eines Buddhas entsprechend -, dann würden seine Zuhörer höchstwahrscheinlich seine wahre Absicht nicht verstehen können (den Weg der Buddhaweisheit zu öffnen, zu zeigen, dazu zu erwecken und in sie eintreten zu lassen). Viele würden sich dann vielleicht weigern, die Lehre anzunehmen oder wären von Zweifel erfüllt und würden dadurch in Böse Pfade fallen. Daher die Notwendigkeit, dass der Buddha seine Lehre nicht nach seinem eigenen Verständnis predigt, sondern auf eine Art, die der Kapazität seiner Zuhörer angepasst ist.

Die Drei Fahrzeuge sind die Lehren, die der Buddha hilfsweise als Antwort auf die unterschiedlichen Lebenszustände seiner Zuhörer verkündet hat. Die drei Fahrzeuge lehren nicht die Weisheit des Buddhas. Sie sind auch nicht die wahre Absicht oder das wahre Ziel des Buddhas. Sie sind jedoch ein unverzichtbares Mittel, um die Menschen auf die höchste Lehre des einen höchsten Fahrzeugs vorzubereiten, die das wahre Ziel des Buddhas ist. (Suda)

Das Kapitel "Hilfsmittel" stellt absolut klar, dass die wahre Absicht des Buddhas bei der Verkündung der Lehre der Drei Fahrzeuge war, das Eine Fahrzeug zu lehren. Diese Klarstellung wird "Ersetzen der Drei Fahrzeuge durch das eine Fahrzeug" genannt. Sie betont, dass der Buddha nur ein Fahrzeug lehrt und es nicht zwei oder drei Fahrzeuge gibt.

Dieser Tatsache, dass es nur ein Fahrzeug gibt, verleiht Shakyamuni an dieser Stelle ganz deutlich Ausdruck:

"Shariputra, die Buddhas haben nur ein einziges Buddhafahrzeug, das sie anwenden, um Lebewesen das Gesetz zu predigen. Sie haben kein anderes Fahrzeug, kein zweites oder drittes."[19]

Die Drei Fahrzeuge werden unterdessen an ihren richtigen Platz gerückt:

"Die Buddhas wenden die Kraft von Hilfsmitteln an und fügen dem Einen Fahrzeug des Buddhas Unterscheidungen zu und predigen es, als ob es drei wären."[20]

Mit anderen Worten sind die Drei Fahrzeuge die Art und Weise, wie der Buddha die Lehren des Einen Fahrzeugs des Buddhas aufgesplittert hat, um die Menschen mit diesem Hilfsmittel zur Wahrheit zu führen.

Das Kapitel "Hilfsmittel" betont immer wieder nachdrücklich, dass die wahre Absicht des Buddhas einzig und allein darin liegt, das Eine Fahrzeug des Buddhas zu lehren. Die Enthüllung, dass die Drei Fahrzeuge lediglich Hilfsmittel sind und dass nur das Eine Buddhafahrzeug wahr ist, wird auch die "Vereinigung der Drei Fahrzeuge in dem Einen Fahrzeug" genannt. Es gibt zwei Aspekte dieser Vereinigung, die "Vereinigung des Aufübenden" und die "Vereinigung der Lehren". (Ikeda)

Die "Vereinigung der Lehren" ist die Vereinigung der Drei Fahrzeuge in dem Einen Fahrzeug. Nachdem sie auf diese Weise vereinigt sind, werden die Lehren der Drei Fahrzeuge an ihren richtigen Platz innerhalb des Einen Fahrzeugs gerückt, und jede hat ihre eigene besondere Bedeutung. Jede ist als Teilwahrheit oder Teilansicht weiterhin gültig.

Die "Vereinigung der Ausübenden" indessen ist die Enthüllung, dass alle, die durch die Doktrin des Einen Fahrzeugs gelehrt und bekehrt werden, ausnahmslos Bodhisattwas sind. Das 2. Kapitel des Lotos-Sutras ("Hilfsmittel") sagt: "Die Buddhas lehren und bekehren nur die Bodhisattwas"[21] und: "Ich wende nur den Weg des Einzelnen Fahrzeugs an, um die Bodhisattwas zu lehren und zu bekehren. Ich habe keine Menschen im Zustand des Lernens als Schüler."[22]

An solchen Stellen enthüllt der Buddha das Eine Fahzeug des Buddhas und ruft alle Lebewesen – vor allem die Gläubigen der Zwei Fahrzeuge (die Menschen um Zustand des Lernens und Menschen im Zustand der Selbsterkenntnis) – auf, dieses einzige Fahrzeug anzunehmen. Dadurch werden diese Ausübenden der Zwei Fahrzeuge mit den Bodhisattwas vereinigt, das heißt, auch sie werden zu Bodhisattwas.

Ein Bodhisattwa ist eine Person, die nach Erleuchtung strebt, oder genauer gesagt eine Person, die ganz sicher die Buddhaschaft erlangen wird. Ein solcher Mensch wird auch als 'mahasattwa‘ oder "großartiges Wesen" bezeichnet.(Saito)

Kurz, indem es unzweideutig verkündet, dass der Buddha nur das Eine Buddhafahrzeug lehrt, sagt das Sutra auch, dass alle Menschen Bodhisattwas sind. Die Ausübenden der Zwei Fahrzeuge sind also auch Bodhisattwas und können als solche die Erleuchtung erlangen. Die "Vereinigung der Ausübenden" betont, dass die Lehren des einen Fahrzeugs alle Menschen befähigen, die Buddhaschaft zu erreichen. Der Schlüssel dazu ist die Doktrin der "Erleuchtung der Zwei Fahrzeuge", die im Lotos-Sutra dargelegt wird.[23]


KAITEN NO JOBUTSU

(Erlangung der Buddhaschaft durch Transformierung)

Entsprechend solchen Auffassungen, wie die Buddhaschaft durch Transformierung (kaiten no jobutsu) zu erlangen, muss eine Frau erst als Mann wiedergeboren werden, um die Buddhaschaft zu verwirklichen; oder ein schlechter Mensch muss zunächst ein guter Mensch werden, indem er schrittweise Verdienste ansammelt, und zwar durch strenge Praktiken über viele Leben hinweg. Diese Sichtweise, der Bodhisattwa Chishaku anging, setzt eine Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung oder zwischen dem gewöhnlichen Sterblichen und dem Buddha voraus. Im Gegensatz dazu steht das Prinzip "Die Verwirklichung der Buddhaschaft in der gegenwärtigen Form" (jap.: sokushin jobutsu), demzufolge man die Buddhaschaft als gewöhnlicher Sterblicher verwirklichen kann, ohne seine gegenwärtige Identität verändern zu müssen.[24]


KENSHO JOBUTSU

(In seine eigene Natur schauen bedeutet Buddha werden)

In seine eigene Natur zu schauen bedeutet, seine Buddhaschaft im eigenen Leben zu erblicken.


KYOCHI MYOGO

(Verschmelzung von Wirklichkeit und Wahrheit)

Kyo chi myogo ist das Prinzip einer Verschmelzung des einzelnen mit dem Ganzen; die Verschmelzung von subjektiver Weisheit mit der (objektiven) Wirklichkeit. Ein bloß isoliertes Bild des Individuums ist gefährlich und führt zu Entwurzelung, zu Angst. Weisheit des einzelnen ist nicht denkbar ohne Gedenken des einzelnen an das Ganze, ohne Bemühung um das Verständnis der Gesetzmäßigkeit des Ganzen.[25]

 
Die beiden Buddhas, Shakyamuni und Taho, haben eine tiefgründige Bedeutung. So, wie sie (bei der Zeremonie in der Luft) zusammen im Schatzturm nebeneinander sitzen, repräsentieren sie die Verschmelzung von Wirklichkeit und Weisheit (kyochi myogo). Taho-Buddha repräsentiert die letztendliche Realität als objektive Wahrheit, während Shakyamuni-Buddha die subjektive Weisheit des Einzelnen repräsentiert, diese Weisheit zu erfassen. Wenn man durch die buddhistische Praxis die perfekte Einheit von eigenem Leben und der letztendlichen Realität erfasst, dann verschmelzen diese Dinge miteinander. Die beiden Seite an Seite sitzenden Buddhas verkörpern die Verschmelzung dieser beiden Elemente im Moment der Erleuchtung, wenn das Individuum eins wird mit der universellen Wahrheit.[26]

 
Nitschiren Daischonin erläutert die Bedeutung dieser Szene: "(Die beiden Buddhas im Schatzturm) stellen die zwei Prinzipien von 'objektiver Wirklichkeit‘ (kyo) und 'subjektiver Weisheit‘ (tschi) dar."[27] Weiter: "Wirklichkeit bedeutet das Wesen aller Phänomene im Universum, und Weisheit bedeutet die vollkommene Manifestation dieses Wesens im Leben des Individuums. Wenn die Wirklichkeit ein unendlich breites und tiefes Flussbett ist, wird das Wasser der Weisheit ohne Unterbrechung fliessen. Erleuchtung ist die 'Verschmelzung von Weisheit und Wirklichkeit‘ (Kyoschi-myogo).[28]

 
Im Gohonzon sind grundsätzlich in chinesischen Schriftzeichen aber zum Teil auch in Sanskrit alle wesentlichen Lebensaspekte in Form der Wiedergabe der 'Zeremonie in der Luft‘ dargestellt. In der Mitte stehen von oben nach unten 'Nam-Myoho-Renge-Kyo‘ – dies bedeutet, dass der Gohonson die 'vollkommene Verschmelzung von Person und Gesetz‘ (Ninpo-ikka) verkörpert. Es bedeutet unter einem anderen Aspekt ebenso die 'Verschmelzung von objektiver Wirklichkeit des Universums und subjektiver Weisheit, die diese Wirklichkeit erkennt‘.[29]


KYUKAI SOKU BUKKAI / BUKKAI SOKU KYUKKAI

(die Neun Welten enthalten das Potential der Buddhaschaft – Die Buddhaschaft manifestiert sich in den Neun Welten)

Die theoretische Lehre mit ihrer Doktrin, "die Drei Fahrzeuge zu offenbaren, um doch tatsächlich zu dem Einen Fahrzeug zu gelangen" (>kaisan ken ichi), will zum Ausdruck bringen, dass alle Menschen die Buddhanatur besitzen. Oder dass alle neun Welten das Potential der Buddhaschaft besitzen (kyukai soku bukkai). Die wesentliche Lehre zeigt, dass der Buddha als einfacher Mensch in der Welt erscheint, obwohl er die Buddhaschaft vor unzähligen kalpas[30] erlangt hatte. Dies ist das Konzept, dass die Buddhaschaft sich durch die neun Welten manifestiert (bukkai soku kyukai).[31]

 
Die "vier Lehren", also die Lehren, die vor dem Lotos-Sutra gelehrt wurden, besagen, dass man sich durch mühevolle Ausübung schrittweise der Neun Welten entledigt und schließlich im Zustand des Buddhas anlangt. Diese lineare Sichtweise, die Buddhaschaft zu erlangen, wird vom Juryo-Kapitel völlig zerstört. Denn dort wird ja erklärt, dass die Neun Welten (Ursache) und die Buddhaschaft (Wirkung) dem Leben ewig innewohnen. Die theoretische Lehre, und besonders das Hoben-Kapitel, erklärt, dass alle Menschen fähig sind, Buddha zu werden, und dies wiederum heißt, dass die Neun Welten das Potential der Buddhaschaft innerlich bereits besitzen (kyukai soku bukkai). Das Juryo-Kapitel zeigt andererseits, dass Shakyamuni, der doch der Buddha der unfassbar weit zurückliegenden Zeit ist, sich dennoch der Geburt und dem Tod in der Welt der gewöhnlichen Sterblichen "unterzog", um dadurch zu zeigen, dass die Buddhaschaft sich nirgendwo zeigt, außer in den Neun Welten (bukkai soku kyukai).[32]


MYOHO

(Das Gesetz von Leben und Tod)

Kausalität umfasst nach buddhistischer Auffassung ein breites Feld, das die menschliche Existenz umspannt. Um das näher zu erläutern, wollen wir uns einmal vorstellen, dass sich ein Unfall oder eine Katastrophe ereignet. Eine Theorie der mechanischen Betrachtungsweise des Kausalitätsprinzips kann dazu dienen, herauszufinden, wie der Unfall entstanden ist, findet jedoch keine Antwort auf die Frage, warum bestimmte Menschen in dieses tragische Ereignis verwickelt sind. In der Tat ist es so, dass diese mechanische Betrachtungsweise eine solch existenzielle Fragestellung bewusst ausschließen muss.

Im Gegensatz dazu ist das buddhistische Verständnis des Prinzips von Ursache und Wirkung auf dieses bohrende "Warum" gerichtet, wie folgende Frage und Antwort aus den jüngeren Tagen Shakyamunis verdeutlichen: "Was ist der Grund für Altern und Tod? Geburt ist die Ursache für Altern und Tod".[33][34]

 
"Myo repräsentiert den Tod, und ho repräsentiert das Leben. Leben und Tod sind die zwei Phasen, die von den Wesen der Zehn Welten durchlaufen werden, das Wesen aller fühlenden Wesen, die das Gesetz von Ursache und Wirkung (Renge) verkörpern."[35]

Nichiren Daishonin enthüllt, dass das eigentliche Wesen des Lebens in allen fühlenden Wesen – in allen Menschen – ebenfalls shoji ichidaiji kechimyaku oder Myoho-Renge-Kyo ist. "Myo repräsentiert den Tod, und ho repräsentiert das Leben." Ist ein anderer Ausdruck dafür, dass das Gesetz von Leben und Tod selbst Myoho, das Mystische Gesetz ist. Die beiden Phasen des Lebens und des Todes, die sich im wahren Wesen des Lebens manifestieren, bilden zusammen das Mystische Gesetz. Das Gesetz existiert nicht außerhalb der Wirklichkeit von Leben und Sterben; unser Leben selbst ist das Mystische Gesetz. Außerdem sind unsere Existenzen in ihrer Wiederholung des Kreislaufs von Leben und Tod auch wieder die Wesen der Zehn Welten. Die Zehn Welten sind nicht verschiedene Umgebungen oder äußere Situationen; man findet sie in jedem einzelnen Menschen – im Auf und Ab, in der Ebbe und Flut seines Lebens.

Manche Leute werden von Schuldeneintreibern bedrängt. Manche Studenten machen Qualen durch, wenn sie für ihr Examen pauken. Es gibt noch viel mehr Beispiele für Leben im Höllenzustand, aber im Grunde lassen sich die Qualen der Hölle immer auf eine Frage von Leben und Tod zurückführen. Der starke Wunsch zu überleben und der verzweifelte Versuch zu entkommen rufen die Ängste und Schmerzen der Hölle hervor, die nichts anderes als das Ergebnis solcher Wünsche sind. Im Hungerzustand dreht sich alles um die Gier, und so hat auch dieser Zustand einen Bezug zu Leben und Tod. So hat unser tägliches Leben in seinen tiefsten Schichten immer mit Leben und Tod zu tun. Patienten jammern über ihre Krankheit und fürchten die Schmerzen, weil sie nicht sterben wollen. Manche Leute streben nach Ruhm und Ansehen, andere nach Wissen. All das hängt von ihrer jeweiligen Einstellung zum Leben ab.

Solange wir die Dinge des täglichen Lebens auf die leicht Schulter nehmen, werden wir die wahre Bedeutung des Lebens nicht verstehen. Freude, Ärger, Sorge und Vergnügen scheinen vielleicht triviale Dinge zu sein, aber im letzten Grund stehen sie in Beziehung zu der Frage nach Leben und Tod. Da wir Menschen sind, vermeiden wir es vielleicht bewusst oder unbewusst, unsere Gefühle und Handlungen mit Leben und Tod in Zusammenhang zu bringen, aber unterhalb der stets wechselnden Erscheinungen der Zehn Welten bildet dieses Problem von Leben und Tod die schwerwiegendste Frage überhaupt. Nur wenn wir uns ihm geradewegs stellen, es erkennen und diese Erkenntnis sich in unserer Lebensweise widerspiegelt, können wir unseren Lebenszustand verbessern. Die menschliche Revolution ist der Prozess, durch den wir aus den sechs Pfaden in die vier edlen Welten (von den zwei Fahrzeugen – Lernen und Versenkung – über den Bodhisattwa bis zur Buddhaschaft) gelangen. Diese Revolution ist nur möglich, wenn wir das höchste Gesetz suchen und unsere Einstellung zu Leben und Tod fest in ihm verankern.

Lassen Sie uns als nächstes überlegen, warum der Daishonin sagt: "Myo repräsentiert den Tod und ho repräsentiert das Leben." Es ist unmöglich, sich vom Zustand des Todes irgendwelche Vorstellungen zu machen. Wo existiert er, und wie sieht er aus? Auch wenn man uns sagt, dass er eine Fortsetzung der Existenz als Teil des universalen Lebens ist, überzeugt uns das nicht. Deshalb ist der Tod myo, ein mystisches Phänomen. Im Gegensatz zum Tod erscheint das Leben in seiner manifesten Phase auf viele Arten, in vielen Formen und Gestalten. Einem festen Gesetz entsprechend zeigt es immer die eine oder andere der Zehn Welten in Übereinstimmung mit den Zehn Faktoren des Lebens. Wenn Sie lange Zeit nichts gegessen haben, sind Sie begierig nach Nahrung: das ist der Hungerzustand. Wenn Sie lächerlich gemacht werden, sind Sie aufgebracht oder zornig: Die Welt des Ärgers erscheint. Das ist das natürlichste Lebensgesetz. Darum ist das Leben ho, das Gesetz.

Das chinesische Schriftzeichen für ho besteht aus den Ideogrammen für "Wasser" und "fortgehen" (oder auch "dahinscheiden, sterben"). Zusammen bedeuten sie "fließendes Wasser". Wasser steht für das Gleichmäßige, Ewige und Unparteiische, das den Kosmos durchströmt. "Fortgehen" symbolisiert den Fluss der Zeit von der unendlichen Vergangenheit bis in die unendliche Zukunft. In der antiken Literatur finden wir manchmal, dass das Zeichen "fortgehen" auch "ein Wesen, das Böses vertreibt" bezeichnet. Alle Wasserläufe, seien es nun Wasserfälle, die an Berghängen herunterstürzen oder breite Ströme, die sich ruhig durch die Ebene winden, strömen immer weiter und halten niemals an, bis sie zuletzt ihre Fluten in den Ozean ergießen. Der Buddhist sieht den Aufstieg und Fall aller Phänomene und ihren Wechsel vom manifesten in den latenten Zustand unter dem Aspekt von Ursache und Wirkung. Er erkennt die Gesetzmäßigkeit innerhalb der Bewegungen aller Dinge, nicht als unbewegliche, abstrakte Idee. Vermutlich sieht der Buddhismus aus diesem Grund das Strömen des Wassers als ein Symbol für das Gesetz an. Das buddhistische Gesetz steckt in den Realitäten des täglichen Lebens, in den wirklichen Gefühlen lebendiger Wesen. Deshalb übersetzt man shoho (von shoho jisso), was wörtlich "alle Gesetze" bedeutet, auch mit "alle Phänomene".

Die landläufige Vorstellung von Gesetz oder Gesetzen ist dem Tod weitaus näher als dem Leben. Das Gravitationsgesetz, die Relativitätstheorie und die Prinzipien der Volkswirtschaft sind nur Regeln über die Beziehungen zwischen wirklichen Phänomenen; Gesetze, Theorien und Prinzipien selbst erscheinen nicht in konkreter Gestalt. Eine der besonderen Eigenschaften des Buddhismus ist es im Gegensatz dazu, dass er es ermöglicht, das Gesetz innerhalb jedes auftretenden Phänomens zu sehen. Das Gesetz ist kein abstrakter Begriff abseits der Wirklichkeit des Lebens, sondern es ist identisch mit den lebendigen Beziehungen, die wirkliche Menschen in jedem Augenblick erfahren und ausdrücken. Damit wird klar, warum Nichiren Daishonin sagt: "Ho repräsentiert das Leben."

Wenn sich der Buddhismus auf die bloße Beobachtung von Phänomenen beschränkte, würde er sich von wissenschaftlicher Forschung in nichts unterscheiden. Das Fließen eines Wasserlaufs zu untersuchen, gehört ins Reich der Wissenschaft. Die grundlegende Kraft zu verstehen, die dieses Fließen verursacht – das ist der wahre Gegenstand der Religion. Diese erste Ursache kann von den wirklichen Phänomenen niemals isoliert werden, aber als Form oder Gestalt kann man sie auch nicht erfassen. Darum wird sie als myo, als mystisch beschrieben.

Ich habe den Satz "Myo repräsentiert den Tod, und ho repräsentiert das Leben" weiter oben unter dem Aspekt des Lebens und Sterbens der Menschen erklärt, aber er gilt ebenso für alle anderen Phänomene. Stellen Sie sich einen zornigen Mann vor. Vielleicht ist er wütend wegen eines Streits, oder er ärgert sich über sich selbst wegen etwas, das er getan hat. Aber was auch die Ursache war, sein Betragen und seine Haltung sind ho, und da sie sichtbar sind, repräsentieren sie "Leben". Seinen seelischen Zustand dagegen, die Ursachen und Umstände seines Ärgers, können wir unmöglich sehen oder uns vorstellen. Genau das besagt der Satz "Myo repräsentiert den Tod."

Die Bewegung des Kosmos ist ho, also "Leben". Die treibende Kraft, die diese Bewegung verursacht, ist myo und somit "Tod". Aber was ist diese treibende Kraft? Da können uns die drei Bedeutungen von myo weiterhelfen, die in "Über das Daimoku des Lotos-Sutras" angegeben werden. Es sind: "öffnen", "vollkommen ausgestattet sein" und "wiederbeleben". Miao-lo sagte zu der ersten Bedeutung: "Offenbaren heißt öffnen." "Öffnen" bezeichnet die Eigenschaft oder Kraft, die ein Leben aktiviert und das gesamte Universum durchdringen lässt. Das ist, wie wenn man ein geheimes Vorratslager öffnet. "Vollkommen ausgestattet sein" bedeutet zum Beispiel, dass jeder Tropfen im Ozean die gleichen Elemente und Eigenschaften besitzt wie der Ozean selbst. "Wiederbeleben" heißt, anders ausgedrückt, Werte schaffen. Aus nichtfühlender oder anorganischer Materie wie etwa Holz oder Stein wird ein Gebäude, ein Ort voller Leben und Aktivität: das ist Wiederbelebung. Auch wenn ein Mensch sich selbst verändern kann und fähig wird, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, ist das Wiederbelebung.

Die zugrundeliegende Antriebskraft ist unsichtbar. Nehmen Sie an, ein Stern entseht. Die Physiker sehen das als Ergebnis einer Neukombination von Materie. Aber es muss ja etwas geben, das diesen Prozess ausgelöst hat, eine Kraft, die das Leben im Kosmos für sein Wachstum unbedingt benötigt. Das ist die Bedeutung von "öffnen". Alle Dinge im Kosmos enthalten sich gegenseitig – sie existieren nicht isoliert voneinander – und zusammen bilden sie das größere Leben des Makrokosmos. Das ist mit "vollkommen ausgestattet sein" gemeint. "'Vollkommene Ausstattung' bedeutet, unser Leben zu erweitern und den Kosmos zu umschließen."[36] Verschiedene Lebensformen treffen und trennen sich; dadurch entstehen neue Werte und neues Leben. Das ist "Wiederbeleben".

All diese Wirkungen können auf die grundlegende Kraft des Universums zurückgeführt werden. Ohne die Kraft wäre das Universum nichts als ein lebloser Klumpen Materie. Ich vermute, dass der verstorbene Dr. Toynbee an eine solche Kraft dachte, als er sagte, er glaube an die Existenz "der höchsten und letzten spirituellen Wirklichkeit hinter dem Universum." Da die grundlegende Kraft außerhalb der Vorstellungskraft liegt, ist sie myo (mystisch), und da wir sie nicht sehen können, ist sie "Tod". Aber diese Kraft existiert, nicht wahrnehmbar und ist dennoch ganz gewiss in allen Phänomenen (ho) vorhanden.

Die Wesen der Zehn Welten, die die Phasen von Leben und Tod durchlaufen, kann man auch als renge bezeichnen, weil sie das Gesetz von Ursache und Wirkung verkörpern. Das Mystische Gesetz oder myoho bedeutet Leben und Tod, und renge bedeutet die Wesen, die dieses Gesetz verkörpern. Deshalb sind alle Lebensformen in den Zehn Welten an sich myoho-renge.[37]

 
"Der Große Lehrer Dengyo sagte:'Geburt und Tod sind die geheimnisvollen Funktionen des Lebens an sich. Die höchste Wirklichkeit des Lebens liegt in Existenz und Nichtexistenz.' Kein Phänomen – weder Himmel noch Erde, weder Yin noch Yang, weder die Sonne noch der Mond, weder die fünf Planeten noch irgendeiner der Lebenszustände von der Hölle bis zur Buddhaschaft – ist frei von Geburt und Tod. Deshalb sind Leben und Tod aller Phänomene einfach die zwei Phasen von Myoho-Renge-Kyo. In seiner Maka Shikan sagt T'ien-t'ai: ‘Das Erscheinen aller Dinge ist die Manifestation ihrer eigentlichen Natur, und ihr Erlöschen ist das Zurückziehen dieser Natur in den latenten Zustand.' Shakyamuni- und Taho-Buddha sind ebenfalls die beiden Phasen von Leben und Tod."[38]

 
Shakyamuni repräsentiert das Leben und Taho den Tod. Die beiden Buddhas, die während der Zeremonie in der Luft Seite an Seite im Schatzturm sitzen, symbolisieren die beiden Phasen von Leben und Tod. Wir können auch sagen, dass Shakyamuni für die subjektive Weisheit und Taho für die objektive Wahrheit steht. Die subjektive Weisheit bezieht sich auf eine handelnde Person, was wiederum Leben (ho) bedeutet. Die objektive Wahrheit ist das verborgene Prinzip, dessen Existenz durch die Weisheit bewiesen wird, und beinhaltet Tod (myo). Somit symbolisiert Shakyamuni das Leben und Taho den Tod.[39]

 
‘Myoho' bedeutet wörtlich ‘Mystisches Gesetz'; ‘Myo' heißt dabei das Unsichtbare, Verborgene oder der Tod; ‘Ho' steht für das Sichtbare, Manifeste oder das Leben. Myoho ist also das ‘universelle Gesetz von Leben und Tod' und daher das Lebensgesetz, das all unsere Lebensphänomene in diesen beiden Phasen des ewigen Lebens durchdringt. Oder: "'Myo' heißt Erleuchtung, ‘Ho' die ursprüngliche Dunkelheit des Lebens. Dass die Dunkelheit und die Erleuchtung eins sind, wird Myoho genannt."[40][41]

 


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[1] Nichiren Daishonin; dt. Gosho, Bd. 1; S. 228.
[2] Nichiren Daishonin; dt. Gosho, Bd. 1; S. 131.
[3] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum März 1996; S. 23f.
[4] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum Juli/August 1997; S. 26/7.
[5] Schau des Herzens; dt. Gosho; S. 215.
[6] Nichiren Daishonin; Dt. Gosho; S. 228.
[7] Nichiren Daishonin; Dt. Gosho; S. 24.
[8] Einführung in den Buddhismus Nitschiren Daischonins; S. 52/4.
[9] Nichiren Daishonin; The Major Writings of Nichiren Daishonin, Band 1; S. 64.
[10] Übersetzung und Erläuterung von Hoben- und Juryo-Kapitel; S. 22/3.
[11] Nichiren Daishonin; Gosho Zenshu; S. 1262.
[12] Nichiren Daishonin; Gosho Zenshu; S. 30/1.
[13] Lotos-Sutra, 15.Kapitel, Nyorai Juryo (Die Lebensspanne des Tathagata).
[14] Erläuterung des Lotos-Sutras; 15.Kapitel; Forum Dezember 1994; S. 28/9.
[15] Daisaku Ikeda, Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum Oktober 1993; S. 34.
[16] Daisaku Ikeda; Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum November '93; S. 44f.
[17] Anmerkung; Forum November 1996; S. 22.
[18] Daisaku Ikeda, Lotos-Sutra Erläuterung; Forum März 1996; S. 10/1.
[19] The Lotos-Sutra, Übers. Burton Watson, New York 1993, Kap.2, S. 31.
[20] The Lotos-Sutra, Kap.2; S. 32.
[21] The Lotos-Sutra, Kap.2; S. 31.
[22] The Lotos-Sutra, Kap.2; S. 45.
[23] Daisaku Ikeda, Katsuji Saito, Takanori Endo, Haro Suda; Die Weisheit des Lotos-Sutras; Forum November 1996; S.16-27.
[24] Daisaku Ikeda; Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum Juni 1994; S. 30.
[25] Mathias Becker; Gesetzeskraft, Gerechtigkeit & Menschlichkeit; Forum Juli 1995; S. 13/15.
[26] Daisaku Ikeda; Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum Mai 1994; S. 34.
[27] Nichiren Daishonin; Dt.Goscho; S. 61.
[28] Einführung in den Buddhismus Nitschiren Daischonins; S. 16.
[29] Einführung in den Buddhismus Nitschiren Daischonins; S. 34.
[30] In alter indischer Tradition wurde so ein extrem langer Zeitraum benannt.
[31] Daisaku Ikeda; Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum November 1994; S. 26.
[32] Daisaku Ikeda; Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum Dezember 1994; S. 30.
[33] Walt Whitmann; Leaves od Grass (Garden City: Doubleday & Company, 1926); S. 348.
[34] Daisaku Ikeda, Mahayana-Buddhismus und die Zivilisation des 21.Jahrhunderts, Forum Dezember 1993, S. 9.
[35] Nichiren Daishonin; Gosho, Das Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod.
[36] Daisaku Ikeda; Der großartige Kosmos des Menschen; Forum August/September 1994; S. 6.
[37] Daisaku Ikeda; Erläuterung der Gosho "Das Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod"; Forum Februar 1995; S. 27 ff.
[38] Nichiren Daishonin; Gosho, Das Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod
[39] Daisaku Ikeda; Erläuterung der Gosho "D.as Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod"; Forum Februar 1995; S. 30
[40] Nichiren Daishonin; Jp. Goscho; S. 708.
[41] Einführung in den Buddhismus; S. 31.

 
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