BUDDHISTISCHE PRINZIPIEN 2



 

ICHINEN SANZEN

(dreitausend Lebenszustände in einem Augenblick des Lebens; das Prinzip der Entfaltung der Veränderung in der Tiefe des Lebens in allen Lebensbereichen)

Im Lotos-Sutra ist eine tiefgründige philosophische Lehre enthalten, die T'ien-t'ai als 'ichinen sanzen' formuliert hat. ichinen bedeutet das 'Herz' oder den einen Augenblick des Lebens, sanzen schlicht die Zahl 3000; gemeint ist damit, dass 3000 Lebenszustände in einem einzigen Lebensaugenblick enthalten sind.[1]

ichi bedeutet 'eins' und wurde von T'ien-t'ai u.a. interpretiert als "Einheit von Körper und Geist", "Einheit von Mensch und Umgebung", "Einheit von Meister und Schüler"; nen besteht aus zwei Schriftzeichen, nämlich, 'Gegenwart' und 'Herz', ichinen wird oft übersetzt mit "ein Gedankenaugenblick", "ein Herz", und bezeichnet die vollständige Widmung an das, was in diesem Augenblick ist; sanzen bedeutet 'dreitausend'.[2]

Durch unsere Ausübung erkennen wir "das wahre Wesen aller Phänomene" und manifestieren es aktiv im eigenen Leben. (...) Nach der Lehre von ichinen sanzen (ichinen = ein einziger Augenblick) ist ichinen "das wahre Wesen" und sanzen (dreitausend Welten) "die Phänomene". (...) Durch die Ausübung können wir das ungehinderte Wirken von ichinen sanzen im täglichen Leben zeigen.[3]

Miao-lo sagt: "Das Wahre Wesen ist ganz sicher in allen Phänomenen offenbart, und alle Phänomene besitzen ganz sicher die Zehn Faktoren. Die Zehn Faktoren wirken ganz sicher innerhalb der Zehn Welten, und die Zehn Welten erfordern ganz sicher sowohl Leben als auch seine Umgebung."

Dies ist ein Zitat aus der Kompairo, Miao-los Abhandlung über die allen lebenden und toten Dingen innewohnende Buddhaschaft. Er erklärt darin die Struktur von ichinen sanzen. (Das wahre Wesen ist) Myoho-Renge-Kyo und entspricht dem ichinen aus ichinen sanzen. "Das Wahre Wesen offenbart sich ganz sicher in allen Phänomenen" bedeutet, dass das ichinen oder Myoho-Renge-Kyo sich immer und ewig in konkreten Erscheinungen offenbart.

(...)

Präsident Toda sagte einmal in einer Vorlesung über die Zeremonie des Schatzturmes: "Durch die Zeremonie des Schatzturmes enthüllte Shakyamuni den Gegenseitigen Besitz der Zehn Welten und ichinen sanzen in seinem eigenen Leben. Gleichermaßen benutzte auch Nichiren Daishonin die Zeremonie, um auf der Schriftrolle des Gohonzons die höchste Lehre der Erleuchtung, die im Juryo-Kapitel verborgen ist, zu verkörpern. Der Gohonzon stellt also Shakyamunis Schatzturm-Zeremonie nur dar, um den gegenseitigen Besitz der Zehn Welten und ichinen sanzen im Leben des Daishonin zu zeigen - im Leben des ursprünglichen Buddhas. (...)"

(...)

Der ursprüngliche Buddha ist das Objekt der Verehrung als Person, und ichinen sanzen ist das Objekt der Verehrung als Gesetz. Weil das Leben des ursprünglichen Buddhas ichinen sanzen selbst ist, sind dies nicht zwei unterschiedliche Objekte der Verehrung, sondern ein und dasselbe. Das nennt man die Einheit von Person und Gesetz.[4]

"Das wahre Wesen aller Phänomene kann nur von Buddhas verstanden werden; dieses Verständnis wird von allen Buddhas geteilt. Diese Wirklichkeit besteht aus Erscheinung, Natur, Wesen, Kraft, Einfluss, innerer Ursache, Beziehung, latenter Wirkung, manifester Wirkung und deren Übereinstimmung vom Anfang bis zum Ende."[5]

Der Abschnitt über "das wahre Wesen" der zehn Faktoren wird als die 'genaue Ablösung' der drei Fahrzeuge durch das eine Fahrzeug bezeichnet. Der große Lehrer T'ien-t'ai aus China entwickelte seine wichtige Lehre von ichinen sanzen aus diesem Abschnitt und dem Konzept des gegenseitigen Besitzes der zehn Welten.

Die Lehre des Lotos-Sutras, die die Weisheit des Buddhas allen Menschen zugänglich macht, ist die Offenbarung, dass alle Wesen der neun Welten auch die Welt der Buddhaschaft besitzen. Auf der Grundlage dieses mystischen Prinzips formulierte T'ien-t'ai das unergründlich wahre Wesen anhand des Konzepts des gegenseitigen Besitzes der zehn Welten (dass nämlich jede der zehn Welten mit allen zehn Welten ausgestattet ist) und anhand des Konzepts der hundert Welten und tausend Faktoren (dass jede der hundert Welten ihrerseits mit den zehn Faktoren ausgestattet ist). Die Welt der Umgebung wird in dem Kapitel "Dauer des Lebens" der wesentlichen Lehre des Lotos-Sutras erläutert, wo es heißt, dass diese saha-Welt das Land ist, in dem der Buddha ewig wohnt. T'ien-t'ai entwickelt auf dieser Grundlage die Lehre von ichinen sanzen; er erklärt, dass die tausend Faktoren die drei Welten enthalten.

In diesem Zusammenhang sagt Nichiren: "Die Lehre von ichinen sanzen kommt von den zehn Faktoren, die im ersten der acht Bände des Lotos-Sutras enthalten ist".[6] (...)

Aus der Sicht des Buddhismus Nichirens ist "das wahre Wesen aller Phänomene" (...) nichts anderes als der Gohonzon.

So gesehen ist "Nam-Myoho-Renge-Kyo Nichiren", das in der Mitte des Gohonzons von oben nach unten geschrieben ist, "das wahre Wesen"; die Wesen der zehn Welten auf beiden Seiten entsprechen somit "allen Phänomenen". Nach der Lehre von ichinen sanzen ist ichinen "das wahre Wesen" und sanzen "die Phänomene".

Wenn wir als Wesen der neun Welten vor dem Gohonzon von ichinen sanzen beten, zeigen unsere durch Nam-Myoho-Renge-Kyo erleuchteten täglichen Aktivitäten "das wahre Wesen aller Phänomene". (...)

Durch die Ausübung können wir das ungehinderte Wirken von ichinen sanzen im täglichen Leben zeigen.[7]

Sowohl die neun Welten als auch die Welt der Buddhaschaft existieren ewig. Der wahre Aspekt des Lebens, der anhand des Lebens des Buddhas, der die Erleuchtung in der fernen Vergangenheit erlangt, sichtbar wird, erklärt das fundamentale Prinzip der Erlangung der Buddhaschaft. Das ist das Vermächtnis Shakyamunis für die Rettung der Menschheit in der Zukunft. Es ist das Prinzip des gegenseitigen Besitzes der zehn Welten und von ichinen sanzen, d.h. dass dreitausend Welten in einem einzigen Augenblick enthalten sind. Das ist die zentrale Aussage.

In der Gosho "Über das Öffnen der Augen" sagt Nichiren, dass die Lehre von der "wahren Ursache" und der "wahren Wirkung" "enthüllt, dass die neun anderen Welten alle in der Buddhaschaft ohne Anfang vorhanden sind und dass die Buddhaschaft den neun anderen Welten ohne Anfang innewohnt. Dies ist der wahre gegenseitige Besitz der zehn Welten, die wahren 100 Welten und 1000 Faktoren, das wahre ichinen sanzen."[8]

"Die neun Welten ohne Anfang" und die "Buddhaschaft ohne Anfang" sind die "wahre Ursache" und die "wahre Wirkung". Beide existieren im Wesen des Buddhas, der die Erleuchtung in der fernen Vergangenheit erlangte. Dieses Wesen des gegenseitigen Besitzes der zehn Welten d.h. von ichinen sanzen, existiert immer in dieser Welt und wird nicht ausgelöscht.

(...)

Nichiren sagt in der Gosho "Über das Öffnen der Augen": "Die Lehre von ichinen sanzen kann nur an einer Stelle gefunden werden, verborgen in den Tiefen des Juryo-Kapitels der wesentlichen Lehre des Lotos-Sutras."[9] "Die Tiefe des Juryo-Kapitels" bezieht sich genauer betrachtet auf den Satz: "Ich habe ursprünglich die Ausübung eines Bodhisattvas durchgeführt."

(...)

Wie schon der Ausdruck "Ursache und Wirkung in einem Augenblick des Lebens" sagt, sind Ursache und Wirkung in einem Augenblick des Glaubens an das eine Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo enthalten.

Dieser "mystische Augenblick des Lebens" ist die letztendliche Bedeutung der Lehre Nichirens über das mystische Prinzip der "wahren Ursache" und gleichzeitig der gesamte Inhalt der Lehre von ichinen sanzen. Sowohl die "wahre Ursache" als auch die "wahre Wirkung" sind im Leben von gewöhnlichen Menschen enthalten. Eine Änderung im Ichinen eines Menschen in einem Augenblick ist eine grundlegende Veränderung.[10]

Der Daishonin sagt, dass "das Herz eines gewöhnlichen Sterblichen, das den Buddha sucht", selbst das "Herz des Buddhas" offenbart. Er sagt auch, dass jemand, der die Buddhaschaft in seinem Herzen wahrnimmt, die Wirkung des Buddhas erlangt, der in Ewigkeit mit den drei erleuchteten Eigenschaften ausgestattet ist.

Darin liegt das tiefe Geheimnis des Lebens. Mit diesem Glauben ist der einfache Mensch ein Buddha, der die mystischen Prinzipien des gegenseitigen Besitzes des zehn Welten und die Wirklichkeit der 3.000 Welten in einem einzigen Augenblick (ichinen sanzen) verkörpert.[11]

In der Maka Shikan stellte T'ien-t'ai das Wesen der im Lotos-Sutra offenbarten Erleuchtung Shakyamunis anhand des Prinzips von ichinen sanzen (dreitausend Bereiche in einem einzelnen Lebensaugenblick) dar. (...)

ichinen sanzen bedeutet, dass jeder Augenblick des Lebens dreitausend Bereiche besitzt. Hierbei bedeutet ichinen 'Lebensaugenblick' und sanzen die von ihm manifestierten 'Phänomene'. Die Zahl dreitausend setzt sich aus den zehn Lebensfaktoren, dem in der theoretischen Lehre des Lotos-Sutra dargelegten gegenseitigen Besitz der Zehn Welten und den drei Existenzbereichen der wesentlichen Lehre zusammen.

Wenden wir uns zunächst den Zehn Welten zu, das sind zehn von Lebewesen erfahrene Lebenszustände bzw. -umstände. Keine der Zehn Welten ist in sich starr: Jede hat die Wirkungsfähigkeit aller zehn in sich, so dass sich dadurch hundert Welten ergeben. Zu den zehn Welten kommen die zehn Faktoren als Kennzeichnung physischen Handelns und spirituellen Wirken des Lebens hinzu. Multipliziert man die zehn Faktoren mit den hundert Welten, erhält man tausend Faktoren. Schließlich enthält jeder dieser tausend Faktoren die drei Existenzbereiche, das sind die fünf Bestandteile des Lebens (Form, Wahrnehmung, Vorstellungsvermögen, Wille und Bewusstsein), der Bereich der Lebewesen und der Bereich der Umgebung. Somit ergeben sich insgesamt dreitausend Bereiche des Lebens.

Wenn auch der Struktur nach kompliziert, lässt sich der Begriff der dreitausend Bereiche im wesentlichen als dreitausend Kategorien definieren, in die alle Phänomene unterteilt sind. In ihm drücken sich die unendlich verschiedenartigen Formen und Aspekte im Universum aus. Die Theorie von ichinen sanzen vertritt das Enthaltensein all der zahllosen Phänomene des Universums in einem einzigen Lebensaugenblick des gewöhnlichen Sterblichen. Sie ist die Bewusstwerdung der untrennbaren Beziehung jedes Lebensaugenblicks mit allen Phänomenen.

In jedem Augenblick durchdringt Leben alle dreitausend Bereiche, und alle dreitausend Bereiche sind in jedem Lebensaugenblick enthalten. Mit anderen Worten: Im Leben eines jeden Individuums ist das gesamte Universum verdichtet, und ein einzelnes menschliches Leben vermag im gesamten Universum seinen Einfluss auszuüben.

Die unbegrenzten Dimensionen des Lebens, zu denen Shakyamuni-Buddha unter dem Bodhibaum erwacht war, waren jenseits der Reichweite gewöhnlichen Bewusstseins, wo menschliches Leben und alle Dinge im Universum im Wechselbeziehung zueinander stehen, eins vom anderen beeinflusst ist, und beide miteinander verschmolzen sind. Diesen mystischen Bereich des Lebens bezeichnet T'ien-t'ai als ichinen sanzen.[12]

Zwar war T'ien-t'ai durch sein Prinzip von ichinen sanzen die Lehren des Lotos-Sutras weiter zu verdeutlichen bemüht, dennoch neigte auch seine Lehre hinsichtlich deren Praxis dazu, sich wieder nur auf eine kleine Minderheit zu beschränken. Bevor an die Meditation [13], um mit ihr ichinen sanzen im eigenen Geist beobachten zu können, überhaupt gedacht werden konnte, musste man erst die Praktiken des Lesens, Rezitierens und Lehrens des Lotos-Sutras sowie Abschriften davon anzufertigen, beherrschen. Dazu war, von einigen wenigen Auserwählten abgesehen, niemand sonst in der Lage.[14]

Nichiren Daishonin, der Buddha im Späten Tag des Gesetzes überwand, was den Buddhismus T'ien-t'ais begrenzte, indem er den Menschen den Weg wies, auf dem sie alle ohne Ausnahme ichinen sanzen bei sich selbst verwirklichen konnten.[15]

Die Erklärung des ichinen sanzen erfolgt im Juryo-Kapitel lediglich aus der Perspektive seiner Wirkung, also als etwas vom Buddha bereits Verwirklichtes. Das Gesetz oder die Ursache, die Shakyamuni diese Erleuchtung ermöglichte ist das ichinen sanzen bzw. das Nam-Myoho-Renge-Kyo der Drei Großen Esoterischen Gesetze, wie es Nichiren Daishonin gelehrt hat.

In der Gosho "Das mystische Prinzip der Wahren Ursache" heißt es beispielsweise:

"Die theoretische Lehre wird als die Theorie von ichinen sanzen bezeichnet, aber beim Lotos-Sutra, welches der Buddhismus der Ernte ist, ist sowohl dessen theoretische als auch dessen wesentliche Lehre Theorie. Die wesentliche Lehre bezeichnet man als die Realität von ichinen sanzen, aber die eine Wahre Lehre ist der in den Tiefen des Lotos-Sutras verborgene Buddhismus des Säens."

Nichiren Daishonin offenbart, dass es Nam-Myoho-Renge-Kyo ist - das letztendliche Gesetz des Lebens bzw. die Realität von ichinen sanzen, das mystische Gesetz, welches alle gewöhnlichen Sterblichen zur Erleuchtung führt, von dem der Daishonin darlegt, dass es in den Tiefen des Satzes "Einst übte auch ich die strengen Bohisattvapraktiken aus" verborgen liegt.

Aus dieser Sicht wurde das ichinen sanzen sowohl des Hoben- als auch das Juryo-Kapitels zu dem Zweck dargelegt, Nam-Myoho-Renge-Kyo, die Realität von ichinen sanzen zum Ausdruck zu bringen.

Das ichinen des tatsächlichen ichinen sanzen ist das Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo und gleichzeitig das Leben des ursprünglichen Buddhas, der dieses Gesetz verwirklicht. Dieses mit den dreitausend Bereichen versehene Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo ist das ichinen sanzen der einen wahren Lehre, die in den Tiefen des Juryo-Kapitels verborgen liegt.

Ein einzelner Lebensaugenblick besitzt dreitausend Bereiche, und die dreitausend Bereiche sind in einem einzelnen Lebensaugenblick enthalten. Das gesamte Universum, welches sich als die dreitausend Bereiche manifestiert, ist Nam-Myoho-Renge-Kyo und wird von einem einzigen Lebensaugenblick des ursprünglichen Buddhas umschlossen. Ein Lebensaugenblick des ursprünglichen Buddhas durchdringt das Universum, während gleichzeitig die dreitausend Bereiche des Universums in diesem einen Augenblick enthalten sind.

In der Gosho "Die Erleuchtung von Pflanzen" sagt der Daishonin: "Die Lehre von ichinen sanzen ist in dem großen Mandala verkörpert, das unsere zeitgenössischen Gelehrten mit ihrem beschränkten Wissen sich nie hätten träumen lassen."

Der Dai-Gohonzon ist die Verkörperung der Realität von ichinen sanzen, welche gleichzeitig das Leben des ursprünglichen Buddhas ist.

Entscheidend ist, dass derjenige Lebensaugenblick, der sich auf den Glauben an den Gohonzon gründet, die starke Lebenskraft der Buddhaschaft hervorbringt, welche das gesamte Universum zu durchdringen vermag.[16]

ichinen sanzen, wie es im Hôben-(2.)-Kapitel der theoretischen Lehre enthüllt wird, heißt theoretisch, weil es die Buddhaschaft als Potential erklärt, das den gewöhnlichen Sterblichen der 9 Welten innewohnt, während das ichinen sanzen des Juryô-(16.)-Kapitels der wesentlichen Lehre tatsächlich oder wahr heißt, weil es die Buddhaschaft als Realität darstellt, die in Shakyamunis Leben manifestiert ist. Jedoch ist selbst das ichinen sanzen des Juryô-Kapitels nur vom Standpunkt der Wirkung aus erklärt, das heißt als etwas, das der Buddha in der entfernten Vergangenheit erlangt hat. Somit ist es immer noch unvollständig. Das Gesetz oder die Ursache, die Shakyamuni befähigten, diese Erleuchtung zu erlangen, sind die letztendliche Wahrheit (Realität) ohne Anfang oder Ende. Nichiren Daishonin definierte dies als Nam-Myoho-Renge-Kyo der Drei Großen Esoterischen Gesetze. Sowohl das ichinen sanzen der theoretischen als auch das der wesentlichen Lehre werden als theoretisches ichinen sanzen betrachtet, wenn sie dem mystischen Gesetz gegenübergestellt werden. Wenn Nichiren Daishonin sagt, dass sein ichinen sanzen das der wesentlichen Lehre ist, so benutzt er den Begriff wesentliche Lehre in der zweiten Bedeutung, das heißt als die wesentliche Lehre des Späten Tages des Gesetzes.

ichinen sanzen geht auf den Großen Lehrer T'ien-t'ai, auch Tshih-i genannt, zurück, der im Mittleren Tag des Gesetzes in China lebte. Das Prinzip ist im fünften Band der Maka Shikan (Große Konzentration und Innenschau) niedergelegt und hat im Lotos-Sutra als Ausdruck von Shakyamunis Erleuchtung seine Grundlage. (...)

Zu Beginn seiner Abhandlung über "Das Wahre Objekt der Verehrung" zitiert Nichiren Daishonin folgende Passage aus der Maka Shikan:

In jedem Augenblick ist Leben mit den Zehn Welten versehen. Gleichzeitig ist jede der Zehn Welten mit allen anderen versehen, so dass ein Daseinsmoment des Lebens tatsächlich hundert Welten besitzt. Jede dieser Welten wiederum besitzt dreißig Bereiche, so dass es in den hundert Welten dreitausend Bereiche gibt. Ein einzelner Daseinsmoment des Lebens ist im Besitz aller dreitausend Bereiche der Existenz. Wenn es kein Leben gibt, ist dies das Ende der Angelegenheit. Ist aber die geringste Spur von Leben vorhanden, besitzt dieses alle dreitausend Bereiche.

(...) Die oben zitierte Stelle sagt uns, dass jeder Lebensaugenblick (ichinen) dreitausend verschiedene Bereiche (sanzen) besitzt, und dass Lebensaugenblick und dreitausend Bereiche in dynamischer Wechselbeziehung stehen und in sich ein harmonisches Ganzes bilden.

Die Wendung "in jedem Augenblick ist Leben mit den Zehn Welten versehen" bringt zum Ausdruck, dass ein einzelner Lebensaugenblick zehn potentielle Zustände - Hölle, Hunger, Animalität, Ärger, Menschsein, Himmel, Lernen, Erkenntnis, Bodhisattva und Buddhaschaft - in sich trägt.

(...) Keine der Zehn Welten ist in sich starr und von den anderen isoliert. In jeder der Zehn Welten trägt Leben alle zehn in sich, oder anders ausgedrückt kann Leben potentiell in jedem seiner Augenblicke jede beliebige der Zehn Welten manifestieren. Dies wird als "gegenseitiger Besitz der Zehn Welten" bezeichnet. Durch Einschluss aller Zehn Welten in jeder einzelnen von ihnen ergeben sich hundert Welten.

Zunächst hat jede der Zehn Welten die zehn Faktoren des Lebens in sich, und jeder der Faktoren besitzt die drei Existenzbereiche. Daraus leiten sich dreißig Bereiche für jede der Zehn Welten her, so dass sich für die hundert Welten insgesamt dreitausend Bereiche ergeben. Die zehn Faktoren sind im einzelnen Erscheinung, Natur, Wesen, Kraft, Einfluss, innere Ursache, Beziehung, verborgene Wirkung, offenkundige Wirkung und Übereinstimmung von Anfang bis Ende. Die drei Existenzbereiche sind: der Bereich der fünf Bestandteile des Lebens (Form, Wahrnehmung, Begriffsvermögen, Wollen und Bewusstsein), der Bereich der Lebewesen und der Bereich der Umgebung. Nicht eine schlichte Zahl bringen die "dreitausend Bereiche" zum Ausdruck als vielmehr das Leben in seiner Tiefe und Totalität. (...)

Zur Wechselbeziehung von ichinen und sanzen führt die Maka Shikan aus:

Weder kann man sagen, dass "ein Geist" vor "allen Phänomenen" kommt, noch dass "alle Phänomene" vor dem "einen Geist" kommen ... Von keinem der beiden lässt sich der Vorrang vor dem anderen einräumen. ... Wird gesagt, dass alle Phänomene aus dem einen Geist hervorgehen, so ist dies eine vertikale Beziehung. Oder wird gesagt, dass alle Phänomene gleichzeitig im Geist manifestiert sind, so ist diese Beziehung horizontal. Weder vertikal noch horizontal trifft zu. Alles was man darüber sagen kann ist, dass der Geist alle Phänomene ist und dass alle Phänomene der Geist sind. ... Dies alles ist geheimnisvoll, scharfsinnig und tiefgründig bis zum äußersten. Wissen vermag es nicht zu ergründen, und Worte vermögen es nicht auszudrücken. Daher nennt man es den "Bereich des Unergründlichen".

(...) ichinen durchdringt sanzen, umgekehrt komprimiert sich sanzen in ichinen. Es ist die Wechselbeziehung zwischen ichinen und sanzen, in der alle Phänomene des Universums Gestalt annehmen (...).

In seinen dreifach verborgenen Lehren (Zanju Hiden Sho) erörtert der 26. Hohepriester der Nichiren Shoshu, Nichikan Shonin, diese Beziehung zwischen ichinen und sanzen wie folgt:

Frage: ... Der Lebensaugenblick ist unendlich kurz. Wie sind in ihm dreitausend Bereiche möglich?

Antwort: Im Lichte des Lotos-Sutras nimmt die Ausdrucksweise "dreitausend Welten in einem Lebensaugenblick" zweierlei Bedeutung an: einzuschließen und zu durchdringen. Einerseits schließt jeder Lebensaugenblick das gesamte Universum in sich ein, andererseits durchdringt jeder Lebensaugenblick das gesamte Universum. Der Lebensaugenblick ist ein Staubkörnchen mit den Elementen aller Länder des Universums in sich, oder er ist ein Tropfen Wassers, dessen Substanz sich in keiner Weise vom riesigen Ozean selbst unterscheidet.[17]

Obwohl T'ien-t'ai die theoretische Lehre, in der Darlegung der zehn Faktoren des Hôben-Kapitels, aus der sich die hundert Welten und tausend Faktoren des Lebens ableiten lassen, als Quelle seines Systems angibt, gründet sich dieses in Wahrheit auf die wesentliche Lehre des Jurryô-Kapitels, aus der ersichtlich wird, dass der Lebensaugenblick auch die Umgebung - den letzten der drei Bereiche - einschließt. Dazu führt Nichiren Daishonin in seiner Gosho "Die Zehn Kapitel" aus: "ichinen sanzen hat in dem Abschnitt der Theoretischen Lehre, der sich mit den zehn Faktoren befasst, seine literarische Quelle ..., doch seinen Gehalt bezieht es ausnahmslos aus der wesentlichen Lehre.

Das in der theoretischen Lehre des Hoben-Kapitels angedeutete ichinen sanzen wird als theoretisches bezeichnet und das im Juryo-Kapitel der wesentlichen Lehre aus den drei mystischen Prinzipien der Wahren Ursache, der Wahren Wirkung und des Wahren Landes gebildete als tatsächliches ichinen sanzen. In den dreifach verborgenen Lehren führt Nichikan Shonin hierzu aus: "ichinen sanzen der theoretischen Lehre wird als Theorie bezeichnet, weil es sich hier um eine allgemeine Erläuterung anhand des wahren Wesens aller Phänomene im Leben gewöhnlicher Sterblicher handelt, während das ichinen sanzen der wesentlichen Lehre als ichinen sanzen der Realität bezeichnet wird, denn dort erscheint es in der konkreten Gestalt der Ursache, der Wirkung und des Landes des Buddhas."

Demnach ist T'ien-t'ais ichinen sanzen als theoretisches anzusehen, weil es in dem im Geist gewöhnlicher Sterblicher innewohnenden wahren Wesen aller Phänomene seine Grundlage hat.

Ungeachtet der Unterschiede in den Lebenszuständen teilen alle Menschen gemeinsam in jeder der Zehn Welten das Seinsmuster der zehn Faktoren. Zum Beispiel ist Leben im Zustand der Hölle nicht anders als das im Zustand der Buddhaschaft mit den zehn Faktoren versehen.

Auch zeigt sich aus dem in der theoretischen Lehre dargelegten Prinzip des gegenseitigen Besitzes der Zehn Welten die Existenz der Buddhaschaft in den übrigen neun Welten.

Im Juryo-Kapitel der wesentlichen Lehre weist Shakyamuni Buddha auf die Wahre Ursache, die Wahre Wirkung und das Wahre Land seiner Erleuchtung hin. Folgende Stelle im Juryo-Kapitel weist auf die Wahre Wirkung: "... grenzen- und schrankenlos ist die Zeit - hundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta Äonen - seit ich in Wirklichkeit die Buddhaschaft erlangte." Der Abschnitt "... einst übte auch ich die strengen Bodhisattvapraktiken aus, und das Leben, das ich daraufhin erwarb, muss sich erst noch in der Zeit erschöpfen. Mein Leben wird von nun an noch zweimal so viele Äonen dauern" weist auf die Wahre Ursache von Shakyamunis Erleuchtung und "Seither bin ich ständig in dieser Welt gewesen, habe das Gesetz verkündet und seine Lehren verbreitet" enthüllt das Wahre Land.

Mit dem im Juryo-Kapitel durch das Prinzip des Wahren Landes zum Ausdruck gebrachten Bereich der Umgebung erfährt das Prinzip ichinen sanzen seine Vervollkommnung.[18]

Die drei Bereiche sind 1. das Subjekt (fünf Bestandteile) in Bezug auf die Art und Weise, wie es mit seiner Umgebung kommuniziert; 2. die Gesellschaft oder die anderen Menschen, zu denen das Individuum in Beziehung steht, genauso wie zur Natur oder zum Land, in dem es lebt, also 3. seine natürliche Umgebung. Gesellschaften unterscheiden sich voneinander und die natürlichen Umgebungen können sehr verschieden sein.

In diesen Bereichen findet ständig eine Reihe gegenseitiger Beeinflussung statt.

Das theoretische Verständnis des Prinzips Ichinen Sanzen heißt, etwa wie bei T'ien-t'ai, dass all diese 3000 Zustände in einem Herzen (Ichinen) des Menschen enthalten sind. Das praktische Verständnis aber, wie bei Nichiren Daishonin, bedeutet: Weil alle Möglichkeiten in diesem Augenblick des Lebens enthalten sind, so kann die Änderung im Ichinen alle Situationen, mit denen man konfrontiert ist, schlagartig ändern; die Änderung jeder Situation entsteht aus der Änderung im Ichinen in der Tiefe des Lebens.[19]


 

ICHINEN SHINGE

(einen einzigen Moment Glauben und Verständnis hervorbringen)

Vom 2. Teil des 17. Kapitels (des Lotos-Sutras) beginnend, behandelt der Rest dieses Sutras die ewige Fortdauer oder die Übertragung des Lotos-Sutras in der Zukunft. Im letzten Teil dieses Kapitels spricht Shakyamuni wieder mit Bodhisattva Miroku: "Diejenigen, die hören, dass das Leben des Buddhas von solcher Dauer ist, und auch nur einen Moment Glauben und Verständnis hervorrufen, sollen Wohltaten ohne Grenzen und über alle Maßen erhalten." Diese Wohltaten, so fährt er fort, übersteigen jede mögliche Analogie. Sie sind zahllose Billionen größer noch als die Wohltaten, die ein Mann oder eine Frau erhält, der die fünf paramitas oder Bodhisattva-Ausübungen von Almosen anbieten, Vorschriften einhalten, Geduld, fleißige Ausübung und Meditation für acht Billionen nayuta Kalpas ausgeübt hat. Shakyamuni sagt: "Wenn dieser Mann oder diese Frau solche Wohltaten besitzen, werden die Menschen ganz bestimmt die perfekte und höchste Erleuchtung erlangen.

In seiner Hokke Mongu fasste der Große Lehrer T'ien-t'ai diesen Teil des 17. Kapitels als "die vier Stufen des Glaubens und die Fünf Stufen der Ausübung" (shishin gohon) zusammen. (...) Im Gegensatz zu T'ien-t'ai, dessen Lehre immer noch eine stufenweise Annäherung enthält, in der man sich durch die Beherrschung der aufeinander folgenden Stufen der Ausübung auf die vollständige Erleuchtung hinbewegt, verneinte Nichiren Daishonin die Vorstellung vom stufenweisen Fortschritt und lehrte, dass die vollständige Erleuchtung durch die überzeugte Annahme des Gohonzons sofort erreichbar ist. In der Gosho "Die Vier Stufen des Glaubens und die fünf Stufen der Ausübung" erklärt er, dass für die Menschen im Späten Tag des Gesetzes die Grundlage der Erleuchtung einzig in der ersten Stufe der Ausübung - einen einzigen Moment des Glaubens und Verständnis hervorzubringen, ichinen shinge - und der ersten Stufe der Ausübung - sich zu freuen, dass Lotos-Sutra zu hören - liegt. Er betont damit die tiefe Bedeutung unseres Glaubens an den Gohonzon. In den Ongi Kuden, der mündlichen Überlieferung von Nichiren Daishonins Lehren, beschreibt er diesen Punkt: "Das Wort 'Glaube' in 'ein einziger Moment von Glaube und Verständnis' ist der Samen der Ursache für die Erlangung aller Arten von Weisheit... Es ist das Schwert, dass die letzte Stufe der Illusion abschneiden kann... Im Glauben liegt Verständnis und im Verständnis liegt Glauben. Aber der Glaube ist das, was unsere Buddhaschaft entscheidet." (Nichiren Daishonin; Gosho Zenshu, S. 760/1)[20]


 

INGA GUJI

(Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung)

Nichiren Daishonin deutet, dass Shakyamuni nicht etwa eine Verwandlung von einem Bodhisattva zum Buddha herbeiführte, sondern in seinem eigenen Leben die Buddhaschaft erkannte. Die Buddhaschaft ist das, was dem Leben eigen und als solches zeitlos, also ewig ist. Diese ewige Wesensstruktur, ein Bodhisattva und zugleich im Wesen Buddha zu sein, ist das Mystische Gesetz, die "Gleichzeitigkeit von Original-Ursache (jap. hon'in) und Original-Wirkung (jap. honga). Es ist Nam-Myoho-Renge-Kyo, die Weisheit des Buddhas (oder auch der Samen der Erleuchtung), die den gewöhnlichen Menschen, der dieses Mystische Gesetz ausübt, zum Bodhisattva aus der Erde macht.[21]

Wir alle kennen das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung (Karma) in der buddhistischen Lehre. Wir allein sind für unser Karma verantwortlich. Haben wir in der Vergangenheit gute Ursachen hervorgerufen, so werden wir in Zukunft gute Wirkungen erzielen. Diese Ursachen und Wirkungen existieren aber in uns gleichzeitig. Die Ursachen haben sich in uns verdichtet, und die Wirkungen sind im Verborgenen in uns enthalten. Letztere werden zu gegebener Zeit erscheinen und sich uns bemerkbar machen. Da wir uns aber nicht von dem Rest der Welt ausschließen können und wir und der Rest der Welt ein ganzheitliches System bilden, sind diese Wirkungen schon in uns im verborgen Zustand enthalten. Neue Wirkungen schaffen neue Ursachen und neue Ursachen wieder neue Wirkungen. Diese befinden sich stets gleichzeitig in uns. Im mechanistischen Weltbild wurde angenommen, dass wir einen beliebig kleinen Teil der Welt (zum Beispiel unsere unmittelbare Umgebung) herausnehmen und unabhängig vom Ganzen untersuchen können. Man ging davon aus, dass Ursachen und Wirkungen eines ganzheitlichen Systems betrachtet werden können. Zwischen Ursache und Wirkung wurde eine gewisse Zeitspanne vorausgesetzt. Die Quantenmechanik hat gezeigt, dass dies alles nicht möglich ist.

Nehmen wir z.B. ein zusammengesetztes atomares System, etwa ein Atom, das aus mehreren Teilen besteht. Nachdem es beispielsweise durch Radioaktivität in die zwei Teile A und B zerfallen ist und diese zwei Teile sich weit voneinander entfernt haben, untersuchen wir A. Wir stellen dann fest, dass diese Untersuchung auch Auswirkungen auf B hat, und zwar augenblicklich, also gleichzeitig. Dies ist unabhängig davon, wie weit die beiden Teile voneinander entfernt sind. Die Auswirkung ist immer gleichzeitig. Das heißt nach der Trennung der beiden Teile müssen beide immer noch als ein ganzheitliches System betrachtet werden. Mit anderen Worten: Eine aus separaten Teilen zusammengesetzte Wirklichkeit existiert nicht. Das mechanistische Weltbild war so angeordnet, dass die Welt in Teilen analysiert werden kann, und diese Teile dann nach Kausalgesetzen zusammenhängen. Die Quantenmechanik hat uns gezeigt, dass die Welt nicht in unabhängig voneinander isolierte Elemente zerlegt werden kann. Dies würde zu falschen Ergebnissen führen. Sie ist nur eine Idealisierung (Illusion), die nur annähernd gültig ist.[22]

"Selbst wenn wir in der Vergangenheit keine Ausübung durchgeführt haben, ist unser Leben durch den Glauben an den Gohonzon mit mannigfachen Kräften ausgestattet. Wir haben als gewöhnliche Menschen durch das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung Zugang zu der Welt der Buddhaschaft."[23]

Wie wir in eine bestimmte Situation hineingeraten, können wir nicht immer als eindeutigen Kausalzusammenhang erkennen. Ursache und Wirkung sind unserer täglichen Erfahrung nach zeitlich voneinander getrennt, und wir sehen uns tatsächlich oft lediglich mit den Wirkungen konfrontiert.

Dennoch: wenn wir unsere Handlungssituation in einem kurzen Zeitabschnitt in Betracht ziehen, können wir verstehen, dass sie aus einer raschen Abfolge der verschiedensten Handlungen besteht, seien es Aussagen, Überlegungen oder konkrete Taten, begleitet von verschiedensten Gefühlsregungen. Jede Handlung kann einerseits als eine bestimmte Reaktion auf die jeweils neue Situation angesehen werden. Die Situation oder die Handlung des anderen war die äußere Ursache, die gerade diese Reaktion ausgelöst hat. So stehen wir jedes Mal vor einer neuen Situation als einer konkreten Wirkung durch diese Abfolge von Handlungen. Andererseits aber wird die Ursache, die wir in jedem Augenblick setzen, bereits als Wirkung im eigenen Leben eingraviert. Diese innere Wirkung verwandelt sich gleichzeitig in eine "innere Ursache", die eventuell schon im nächsten Augenblick die Art und Weise unserer Reaktion auf die "äußere Ursache" bedingen kann - einer Situation, der wir uns gegenübersehen. So ist unser Leben diesem ständigen Kreislauf von Ursache und Wirkung unterworfen. Diese grundlegende Kausalität wird im Buddhismus als "Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung" formuliert und durch die Lotosblume symbolisiert, weil diese gleichzeitig Blüten und Samen trägt. Dieses besondere Karma-Gesetz der Gleichzeitigkeit liegt jenem allgemeinen Karma-Gesetz zugrunde, das die existentiellen und ethischen Konsequenzen zutage bringt. Und dies besagt, dass wir trotz der relativen Unfreiheit durch karmische Kausalketten jederzeit über die Möglichkeit verfügen, unser Leben anders zu gestalten als in der Vergangenheit.

Die Lotos-Blume im Sumpf

Das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung gilt als das fundamentale, kosmische Lebensgesetz (im Sinne des Gesetzes von Leben und Tod), das mit der Buddhaschaft gleichgesetzt werden kann. Und die Wahrheit des Lebens besteht nach dieser buddhistischen Auffassung darin, dass wir mit dem ganzen Kosmos in tiefer Verbindung stehen und dass wir daher bereits mit seiner Lebenskraft leben. Erwachen wir zu dieser Wahrheit, so können wir in uns diese dynamische Lebenskraft erscheinen lassen, die all die Unreinheiten und Deformationen in unserem Leben reinigen kann. Dieses Konzept kann man am besten verstehen, wenn man sich das Bild der Lotos-Blume im Sumpf vor Augen führt. Dieses Sinnbild möchte ich - zusätzlich zum Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung - kurz im Zusammenhang mit den vier Eigenschaften deuten, die sich durch die Entfaltung der Buddhaschaft in unserem Leben konkret zeigen:
1. Der Lotos wächst im schlammigen Teich ins Helle empor und symbolisiert die Entfaltung der ursprünglichen Selbstidentität, die in Einheit und Harmonie mit dem ganzen Universum steht. Das Herausspringen aus der Erde der Buddhaschaft bedeutet die Transformation des eingeschränkten und verzerrten Ego ins Große, von dem man herkommt. Dies bedeutet zugleich die Entfaltung in die Breite unseres Alltagslebens und der Gesellschaft.
2. Die Lotos-Pflanze bleibt im Schlamm, und ihre Blüte ist doch davon unberührt. Die Unbeflecktheit hier meint nicht einfach eine Reinheit, die normalerweise jenseits vom Schmutz gesucht wird, sondern die reinigende Kraft, alles Negative ins Positive, das Leid in Freude zu verwandeln.
3. Der Lotos ist in der Erde tief verwurzelt und bleibt von äußeren Umständen unabhängig. Diese Unerschütterlichkeit meint das absolute Glück, das in der Subjektivität und Selbständigkeit begründet ist.
4. All diese Aspekte machen das buddhistische Verständnis der unendlichen Freiheit aus.
Die Bemühung für die Entfaltung der Buddhaschaft ist eine Aufgabe und Arbeit, für die man sich im ganzen Leben voll einsetzen soll. [24]

Jeder Mensch möchte glücklich sein. Wenn man entgegen seinen Erwartungen Fehlschläge einstecken oder Leiden ertragen muss, neigt man dazu, die Ursache dafür bei anderen oder der Gesellschaft zu suchen. Natürlich sind auch andere Menschen oder die Gesellschaft äußere Anlässe für solche Schwierigkeiten, aber kein Problem kann vollständig gelöst werden, wenn man nicht die grundlegende Ursache dafür sucht und findet. Wir alle haben jedenfalls die Erfahrung machen können: wer sich auf der Grundlage des Mystischen Gesetzes um andere bemüht hat, hat sein Leben nie verschlechtert - im Gegenteil. [25]

"T'ien-t'ai sagte: 'Sie müssen erkennen, dass die miteinander in Beziehung stehenden Aktionen und Reaktionen fühlender Wesen und ihrer Umgebung alle das Gesetz der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung manifestieren.' 'Fühlender Wesen und ihrer Umgebung' bedeutet hier die Wirklichkeit von Leben und Tod. Das Gesetz der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung zeigt sich klar in allem, was lebt und stirbt." [27]
Nichiren Daishonin stützt hier seine vorhergehenden Aussagen mit einem Zitat aus T'ien-t'ais Hokke Gengi ("Die tiefe Bedeutung des Lotos-Sutras"). "Die miteinander in Beziehung stehenden Aktionen und Reaktionen fühlender Wesen und ihrer Umgebung" bezieht sich auf das Kausalgesetz, das sich im Leben offenbart. Der Ausdruck bedeutet das Leben, wie es tatsächlich existiert - mit anderen Worten, die Menschen in den Zehn Welten. Wenn wir es zeitlich betrachten, ist alles Leben ausnahmslos dazu bestimmt, geboren zu werden und zu sterben - die Wirklichkeit von Leben und Tod. Sehen wir es unter dem räumlichen Aspekt, so entdecken wir die Beziehungen zwischen den fühlenden Wesen und ihrer Umgebung. Nichiren Daishonin zeigt, wie die räumliche Beziehung, die T'ien-t'ai als Gesetz von Ursache und Wirkung zwischen fühlenden Wesen und ihrer Umgebung verstand, mit dem Gesetz von Leben und Tod völlig übereinstimmt. Daraus leitete er seine Aussage ab, dass "'fühlende Wesen und ihre Umgebung' hier ... die Wirklichkeit von Leben und Tod (bedeutet)."
Das Leben, wie es tatsächlich existiert - die gegenseitige Beziehung zwischen fühlenden Wesen und ihrer Umgebung innerhalb der Wirklichkeit von Leben und Tod - offenbart das Gesetz von Ursache und Wirkung. In diesem Lebensgesetz finden die Ursache und ihre Wirkung immer gleichzeitig statt; darum nennt man es auch "das Gesetz der Lotosblume". Lassen Sie mich kurz etwas über das Gesetz der Lotosblume und die Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung sagen. Wie wir wissen, trägt die Lotosblume zu gleicher Zeit Blüten und Samen, und darum ist sie ein so hervorragendes Symbol für das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, was dieses Prinzip für unser wirkliches Leben bedeutet.
In der Physik und der Chemie, aber auch in gesellschaftlichen Prozessen beobachtet man Ursachen und Wirkungen stets zu verschiedenen Zeitpunkten. Gleichzeitige Ursachen und Wirkungen finden wir nur bei wesenhaft lebendigen Erscheinungen - genauer gesagt, in dem Lebensgesetz, das zuerst vom Buddhismus durchleuchtet wurde. Das Wahre Objekt der Verehrung enthält einen Abschnitt, der die Zehn Welten erklärt. Er lautet: "Wut ist die Welt der Hölle, Habgier die des Hungers, Dummheit die der Animalität, Schlechtigkeit die des Ärgers, Freude ist die des Entzückens und Ruhe die der Humanität." Die Wut, als Teil der Funktionen des Lebens, ist die Ursache, und die Wirkung ist Hölle. Es ist nicht so, dass Sie jetzt wütend werden und später erst in den Höllenzustand geraten. Sie sind wütend (Ursache) und erleben den Höllenzustand (Wirkung) zur selben Zeit. Das ist die Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung. Wut ist eine der Ausdrucksformen eines fühlenden Wesens. In diesem Fall wird seine Umgebung den Zustand der Hölle wiederspiegeln. Das Lebewesen ist die Ursache, und seine Umgebung ist das Ergebnis. Daher auch der Ausdruck von T'ien-t'ai: "die miteinander in Beziehung stehenden Aktionen und Reaktionen fühlender Wesen und ihrer Umgebung". Ebenso sind wir in demselben Augenblick, wo wir an das Mystische Gesetz glauben (Ursache), schon im Zustand der Buddhaschaft (Wirkung). Das Gesetz der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung ist also das Prinzip, das es uns ermöglicht, die Buddhaschaft zu verwirklichen. [28]

"... der Buddha entdeckte ein Mystisches Gesetz, das gleichzeitig Ursache und Wirkung enthält und als Myoho-Renge bezeichnet wird. Dies eine Gesetz von Myoho-Renge ist vollständig mit allen Phänomenen des Universums ausgestattet. Deshalb erlangen diejenigen, die dieses Gesetz praktizieren, die Ursache und Wirkung der Buddhaschaft im selben Moment." [29]
T'ien-t'ai sagte: "Sie müssen erkennen, dass die miteinander in Beziehung stehenden Aktionen und Reaktionen fühlender Wesen und ihrer Umgebung alle das Gesetz der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung manifestieren." [30] [31]

Der ewige Bodhisattva Jogyo verkörpert in sich gleichzeitig die Bodhisattva- und die Buddhaschaft und somit das Prinzip der 'Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung' (bzw. das Prinzip 'Neun Welten gleich Buddhaschaft). Jogyo ist der Träger des Gesetzes, durch das Shakyamuni selbst in der unendlichen Vergangenheit die Buddhaschaft verwirklichen konnte. In einer Abhandlung über 'die Bedeutung des wahren Wesens' steht, sinngemäß übersetzt: "In der letztendlichen Wirklichkeit gibt es etwas, das keine Namen trägt. Ein Weiser wird zu dieser Wirklichkeit des Mystischen Gesetzes der Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung erleuchtet und nennt es Myoho-Renge. Dieses ist ein vollkommenes Lebensgesetz, das mit allen zehn Welten und dreitausend Lebenszuständen ausgestattet ist. Wer dieses Gesetz ausübt, macht sich die Ursache und die Wirkung der Buddhaschaft gleichzeitig zu eigen. Der Weise machte dieses Gesetz bei seiner Ausübung zu seinem Lehrer und vollendete die vollkommene Buddhaschaft, weil er ihre Ursache und Wirkung gleichzeitig in sich verkörpern konnte." [32] [33]

Die Lotos-Blume wird im Buddhismus als Symbol für das Prinzip der 'Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung' (Inga-guji) benutzt, weil sie gleichzeitig Blüten und Samen trägt.

Normalerweise denkt man, dass Ursache und Wirkung durch die Zeit voneinander getrennt sind, aber die buddhistische Lehre der Kausalität des Lebens erklärt, dass die Ursachen, die man in jedem Augenblick setzt, bereits als Wirkungen im eigenen Leben eingraviert werden, und dass wir so unser Karma formen. Daher heißt es in einem Sutra: "Wenn du die Ursache in der Vergangenheit erkennen willst, brauchst du nur die Wirkung in der Gegenwart zu schauen; wenn du die Wirkung in der Zukunft erkennen willst, brauchst du ebenso nur die Ursache in der Gegenwart zu schauen." Wichtig ist also, wie man hier und jetzt lebt, das heißt für uns, wie stark wir stets von Nam-Myoho-Renge-Kyo ausgehen und ob wir in jeder Situation die beste Ursache setzen können.[34]

 


<<< === >>>

[1]

Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins; S.46

[2] Forum August/September 1995; S.11; Fußnote 6
[3] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum Aug./Sept.1996; S.16/7
[4] Gosho-Erläuterung von Daisaku Ikeda; Forum-Buddhistische Zeitschrift für Frieden, Kultur und Erziehung; März 1994; S.22-26
[5] Shakyamuni; The Lotus-Sutra, Übers. Burton Watson, New York 1993, S.24
[6] Nichiren Daishonin; Jap.Gosho, S.412
[7] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum August/September 1996; S.17
[8] Nichiren Daishonin; dt.Gosho;Bd.2; "Über das Öffnen der Augen"; S.75
[9] Nichiren Daishonin; dt.Gosho II; "Über das Öffnen der Augen"; S.97
[10] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum April 1997; S.34
[11] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Forum Juli/August 1997; S.29
[12] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.68/9.
[13] Eine in der Maka Shikan dargelegte Form der Ausübung, mit der gewöhnliche Sterbliche die gleiche Erleuchtung erlangen konnten, wie die im Lotos-Sutra offenbarte Erleuchtung Shakyamunis. T'ien-t'ai ersann Meditationsübungen wie die Meditation über die zehn Objekte, die zehn Meditationen, die 25 vorbereitenden Übungen und die dreifache Kontemplation in einem einzelnen Geist.
[14] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.73.
[15] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.107.
[16] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.152-162.
[17] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.101-106.
[18] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S.146-151.
[19] Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins, S.47-48.
[20] Die Erläuterung des Lotos-Sutras, Forum Feb. 1995, S.32.
[21] Yukio Matsudo und Thomas Oelschläger, Hon'in Myo oder "Die Wahre Ursache", Forum Januar '95, S.15.
[22] Professor Dr. Bijan Sabzevari, Die "Bombe" und die Buddhaschaft - Buddhismus und moderne Physik, Forum Mai 1995, S.32.
[23] Josai Toda, zitiert aus Daisaku Ikeda, Lotos-Sutra Erläuterung 10.Teil, Forum März '96, S.44.
[24] Yukio Matsudo; Karma und Freiheit - Persönliche Entwicklung aus buddhistischer Sicht; Forum Mai 1994; S.15.
[25] Peter Kühn, Glaube und das Resultat - Ursache und Wirkung; Forum Dezember 1994, S.8.
[27] Nichiren Daishonin; "Das Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod"; Gosho.
[28] Daisaku Ikeda; Erläuterung der Gosho "Das Erbe des höchsten Gesetzes von Leben und Tod"Forum Februar 1995; S. 29.
[29] Gosho Zenshu; S. 513.
[30] Nichirn Daishonin; "Das Erbe des letztendlichen Gesetzes"; Dt. Gosho I, Seite 137.
[31] Zitiert aus Forum Mai 1994, S.19.
[32] Nichiren Daishonin; Jap. Gosho, S.513.
[33] Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins, S.19.
[34] Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins, S.33.

 
© nonin 2008