BUDDHISTISCHE PRINZIPIEN 1



 

BONNO SOKU BODAI

(irdische Begierden sind Erleuchtung)

Soku kann nicht einfach mit "sind" übersetzt werden, deshalb wird auch von der Untrennbarkeit von weltlichen Begierden und Erleuchtung gesprochen. Das Leben ist von Leiden erfüllt. Die grundlegende Ursache solchen Leidens liegt in den weltlichen Begierden, die Teil des eigenen Lebens sind. Der buddhistische Ausdruck "weltliche Begierden" (bonno) geht auf das Sanskritwort klescha zurück, welches manchmal mit "Illusionen" oder auch nur mit "Begierden" übersetzt wird. Weltliche Begierden bedeuten Illusion, Erleuchtung bedeutet vollständiges Durchdringen beziehungsweise Erwachen zur Wahrheit.

In seiner Anmerkung zur Lehre vom "Nur-Bewusstsein" zählt Dharmapala, ein indischer Gelehrter des 6.Jahrhunderts, zu den grundlegenden weltlichen Begierden Gier, Ärger, Dummheit, Arroganz, Zweifel und falsche Ansichten. Bei T'ien-t'ai findet sich hinsichtlich der Gesamtheit der weltlichen Begierden folgende Dreiteilung: 1. Illusionen der Gedanken und Begierden, 2. Illusionen so unzählig wie Staub- und Sandkörnchen und 3. Illusionen über die wahre Natur des Daseins.

Der Hinayana-Buddhismus lehrt, dass man allen Begierden entgegentreten und sich von ihnen befreien müsse; jedoch ist der Mensch ohne weltliche Begierden wie sein triebmäßig begründetes Verlangen nach Nahrung, Schlaf und Sexualität nicht in der Lage am Leben zu bleiben. Einige Schulen des Mahayana-Buddhismus ließen sämtliche Begierden, wie sie auch sind, gelten. Diese Ansicht suchte sich von den weltlichen Begierden allein ihre originäre Zugehörigkeit zum menschlichen Leben aus und vergaß darüber den ursprünglichen Leitgedanken des Buddhismus, wonach diese Begierden die Quelle allen Unglücks sind. Diese beiden Extreme werden durch das Prinzip des Lotos-Sutras überwunden. Man kann die Erleuchtung erlangen auch ohne sich seiner weltlichen Begierden zu entledigen. Einer Veranschaulichung dieses Prinzips dient die bekannte Metapher von der Lotos-Blume, eine Blume, die aus dem Schlamm des Sumpfes erblüht. Ohne schlammiges Wasser, das sein Lebenselixier darstellt, kein Lotos; doch ist das Schlammwasser deswegen nicht gleichzusetzen mit dem Lotos.[3]

Die negative Kraft der Begierde muss so kanalisiert werden, dass ihr Schub in eine positive Richtung führt. Nichiren Daishonin zieht folgenden Vergleich: Wird Holz zum brennen gebracht, dann entsteht Licht. Genauso wird es hell um unsere Begierden, wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten.[4]

In der "Aufzeichnung der mündlich überlieferten Lehren" heißt es: "Nun lassen Nichiren und seine Anhänger, die Nam-Myoho-Renge-Kyo rezitieren ... das Feuerholz der weltlichen Begierden lodern und offenbaren das Feuer der erleuchteten Weisheit." Eine schlichte Aussage, die zum Ausdruck bringt, dass die Erleuchtung erlangt werden kann, eben weil es weltliche Begierden gibt.[5]

"Wenn man sogar während der sexuellen Vereinigung Nam-Myoho-Renge-Kyo chantet, dann sind irdische Begierden Erleuchtung, und die Leiden von Geburt und Tod sind Nirvana. ... Es heißt in der Maka Shikan, dass die Ignoranz und der Staub der Begierden Erleuchtung und die Leiden von Geburt und Tod Nirvana sind."[6] Die Reinigung des Lebens vollzieht sich durch die Konfrontation mit Problemen. Wenn wir verschiedene Schwierigkeiten als Hilfe im Prozess unserer Menschlichen Revolution verstehen - unserer Weiterentwicklung also - dann haben wir den Nirvana-Zustand erreicht: das Loslassen von Leiden. Weil wir die Bedeutung des Kummers verstanden haben, leiden wir mit dem Ziel der Heilung. Diese Freiheit haben wir in jeder Situation.[7]

"Das Wahre Wesen, das sich in allen Phänomenen manifestiert, weist auf die beiden Buddhas Shakyamuni und Taho hin (die zusammen im Schatzturm sitzen). Taho repräsentiert alle Phänomene und Shakyamuni das Wahre Wesen. Die beiden Buddhas weisen auch auf die zwei Grundsätze von Objekt (kyo) und Subjekt (chi) oder von Wirklichkeit und Weisheit hin. Taho Buddha bedeutet das Objekt und Shakyamuni das Subjekt. Obwohl sie zwei sind, verschmelzen sie in der Erleuchtung des Buddhas zu einer Einheit. ... Nur wenn man erkennt, dass die Weisheit des menschlichen Lebens während des Kreislaufs von Geburt und Tod weder geboren noch zerstört wird, sind Leiden Nirvana. Im Fugen-Sutra heißt es: 'Auch ohne ihre irdischen Begierden auszulöschen oder ihre fünf Begierden zu leugnen, können sie all ihre Sinne Reinigen und alle Folgen ihrer Untaten auslöschen.'"[8]

"Objekt" oder Wirklichkeit bedeutet Gohonzon, die objektive Verkörperung der Buddhaschaft, während "Subjekt" oder Weisheit auf die Menschen weist, die ihre innewohnende Buddha-Weisheit durch Verschmelzung ihres Lebens mit dem Gohonzon entwickeln. In praktischer Hinsicht bringt das Prinzip von "Irdische Begierden sind Erleuchtung" zum Ausdruck, dass die weltlichen Verlangen des Einzelnen zum "Brennstoff" für die Erleuchtung werden, wenn sie durch den Glauben an das wahre Gesetz zur Erleuchtung umgewandelt werden.[9]


 

DOSHU SHOGI

(Bindungen erschüttern und Zweifel hervorrufen)

Indem Shakyamuni im Yujutsu-Kapitel des Lotos-Sutras Mirokus (sanskrit Maitreya) Frage zum Erscheinen der Bodhisattvas aus der Erde beantwortet, ruft er Zweifel bei seinen Zuhörern hervor. Er sagt: "Diese Menschen, die du, ebenso wie auch die anderen, niemals zuvor gesehen hast, sind allesamt Bodhisattvas, die ich bekehrt und geführt habe, nachdem ich die höchste Erleuchtung in der saha-Welt erlangt habe. (...) Seit der lang zurückliegenden Vergangenheit habe ich alle diese Menschen gelehrt und geführt."

Zu dieser Zeit hat er in Miroku und den anderen, große Verwirrung und Unsicherheit hervorgerufen, um sie psychologisch auf die Enthüllung dessen vorzubereiten, was nun folgen sollte. Im Wortgebrauch der traditionellen Auslegung des Lotos-Sutras wird diese Lehrmethode doshu shogi genannt. Wortwörtlich bedeutet dies, "Bindungen zu erschüttern und Zweifel hervorzurufen". Gemeint ist, jemanden auf eine höhere Lehre vorzubereiten, indem man ihn dazu bringt, seine bisherigen Ansichten zu hinterfragen.[10]


 

ENGI

(bedingtes Entstehen)[1a]

Der Buddhismus benutzt den Ausdruck 'abhängiges Entstehen', um die Beziehung einer Symbiose zu beschreiben. Nichts und niemand existiert allein. Jede einzelne Existenz funktioniert dahingehend, die Umgebung zu schaffen, die ihrerseits alles was existiert enthält. Alle Dinge, die sich gegenseitig unterstützen und in Beziehung zueinander stehen, bilden einen lebenden Kosmos, das was die moderne Philosophie als das 'semantische Ganze' (bezeichnen) könnte. Das ist der Rahmen eines Konzepts der Betrachtungsweise des natürlichen Universums, wie es der Mahayana-Buddhismus bietet.[11]

Das buddhistische Prinzip der 'bedingten Entstehung' verweist auf eine Kosmologie, die davon ausgeht, dass alle menschlichen und natürlichen Phänomene innerhalb eines Geflechts gegenseitiger Bedingtheit entstehen. Wir sind somit angehalten, die Einzigartigkeit jeder individuellen Existenz zu respektieren, denn diese unterstützt und nährt alle Existenzen innerhalb des größeren lebendigen Ganzen.

Für die buddhistische Sicht der wechselseitigen Abhängigkeit ist charakteristisch, dass sie auf einer unmittelbaren, intuitiven Erkenntnis des kosmischen Lebens, das allen Phänomenen immanent ist, gründet. Der Buddhismus lehnt deshalb eindeutig alle Formen der Gewalt ab, als einen Angriff auf die Harmonie, die dem Netz des Seins zugrunde liegt und es zusammenhält.[12]

Das buddhistische Prinzip "Vollkommene Ausstattung" gewährleistet, dass die fundamentale Ordnung, zu der wir erwachen, nicht parteiisch oder voreingenommen ist. Mit anderen Worten: die fundamentale Ordnung muss vollkommen und allumfassend sein und nicht nur alle Menschen, sondern ebenso die Natur und das Universum gleichermaßen einschließen.

"Vollkommene Ausstattung" bezieht sich also auf die Allgemeingültigkeit und die zugrunde liegende Harmonie des Lebens, da wir unseren Blickwinkel von der Ebene dieses Planeten weg auf die Ebene des Kosmos hin richten. Die Allgemeingültigkeit ist eine symbiotische Ordnung, in der die Menschen, die Natur und der Kosmos zusammen existieren und wo Mikrokosmos und Makrokosmos zu einer einzigen lebendigen Einheit verschmolzen sind. Symbiose wird im Buddhismus "abhängiger Ursprung" (japanisch "engi") genannt. Das bedeutet, dass sowohl im Bereich der menschlichen Gesellschaft als auch in der Natur nichts isoliert existiert. Alle Erscheinungen bedingen sich gegenseitig und bilden einen lebenden Kosmos. Aus dem Verständnis heraus, dass alle Erscheinungen sich gegenseitig bedingen und ein einziges Ganzes sind, ist es eine bedeutsame Aufgabe, der Vernunft die ihr entsprechende Rolle zu geben.

Wie Sie alle wissen, zeigt das chinesische Schriftzeichen für 'Person' (ren) zwei Menschen, die sich aneinander lehnen. Diese Tatsache macht es zum vielleicht wichtigsten Wort im chinesichen Denken. Das Schriftzeichen für die Eigenschaft 'Menschlichkeit' (ren) besteht aus den Schriftzeichen 'Person' und der Zahl 'zwei'. Das bedeutet zwei Menschen, die sich ansehen, zwei Menschen, die kommunizieren, zwei Menschen, die einander lieben. Mit anderen Worten: So etwas wie ein isoliertes Individuum gibt es nicht.

Individuen sind zu einem einzigen lebenden Wesen verknüpft, und diese Verknüpfung ist nicht auf den Bereich der Menschen beschränkt. Sie erstreckt sich vielmehr auch auf die Welt der Natur und den ganzen Kosmos, und alles was existiert, ist ein organisches Ganzes. Das ist kurz gesagt die traditionelle chinesiche Sichtweise des Menschen und der Natur, die stark von Neo-Konfuzianismus von Zhu Xi aus der Song-Dynastie gefärbt ist.

In dieser Philosophie wird den Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten von Dingen und Menschen größere Wichtigkeit beigemessen als dem Blick auf die individuelle Existenz. Sie ist fest verknüpft mit dem buddhistischen Gedanken von pratityasamutpada, dem Gesetz der bedingten Entstehung. Wenn man von dieser Betrachtungsweise des menschlichen Lebens in seiner Ganzheit ausgeht, stellt man fest, dass es unter allen Phänomenen im Universum keines gibt, das nicht mit der Menschheit in Beziehung steht.[13]

Mit Bezugnahme auf die 'bedingte Entstehung' (engi) und die 'Nicht-Substanzialität' (ku) kritisierte Nagarjuna in seiner Mulamadhyamakakarika (Die mittlere Lehre) (...) Sprache wegen ihrer Tendenz, unsere Erfahrungen zu vergegenständlichen und dem Substanz zu geben, was von der Essenz her keine Substanz besitzt (...) und erklärte:

"Der Buddha lehrte, dass das Wesen der bedingten Entstehung nicht ausgelöscht oder geschaffen wird, es existiert nicht momentan oder ewig, es ist nicht vereinzelt oder gebunden, es kommt und es geht nicht; es übersteigt die Vergänglichkeit der Worte und ist die letztendliche Erfüllung."[14]


 

ESHO FUNI

(Untrennbarkeit des Individuums und seiner Umgebung)

"'Glücklich sein und sich wohlfühlen' heißt zu erkennen, dass unser Leben, d.h. Körper und Geist, wir selbst wie auch unsere Umgebung, das Wesen von ichinen sanzen und der Buddha der absoluten Freiheit sind."[15]

Wie der Daishonin mit dem Absatz schon andeutet, ist der Buddhismus keine abstrakte Theorie, die nur unseren Geist betrifft. Er sagt auch nicht, dass wir unsere subjektive Betrachtung von anderen Menschen und unserer Umgebung ändern müssen. Die Wohltaten und guten Ursachen, die wir in der Tiefe unseres Lebens ansammeln, werden sowohl auf der materiellen Ebene wie auch in unserer Umgebung sichtbar. Alles verändert sich mit großer Kraft und Stärke für unser Glück und die Erfüllung unserer Wünsche in die bestmögliche Richtung: in unserem Körper und Geist, in unserem Selbst und unserer Umgebung, in unserer Einstellung zum Glauben, die unsichtbar ist.[16]

In "Über die Vorzeichen" sagt Nichiren Daishonin: "Die zehn Richtungen sind 'Umgebung' (eho) und fühlende Wesen sind 'Leben' (shoho). Die Umgebung ist wie der Schatten, und Leben wie der Körper, der den Schatten wirft. Ohne den Körper kann es keinen Schatten geben. Ähnlich kann die Umgebung nicht ohne Leben existieren, obwohl Leben zu seiner Aufrechterhaltung der Umgebung bedarf."[17]

Wo es eine Umgebung gibt, da gibt es Leben in ihr. Miao-lo sagt: "Sowohl Leben (shoho) als auch seine Umgebung (eho) manifestieren immer Nam-Myoho-Renge-Kyo."

(...) In allen Lehren vor dem Lotos-Sutra wurden die zehn Welten als zehn verschiedene Orte dargestellt.[18] (...) Die vier edlen Welten wurden ähnlich erklärt (...). Da man annahm, diese verschiedenen Umgebungen befänden sich an verschiedenen Orten, so mussten sich natürlich auch die Menschen, die sich dort aufhielten, voneinander unterscheiden. In Wirklichkeit jedoch sind die Menschen (shoho) und ihre Umgebung (eho) untrennbar. Dies ist die Wirklichkeit des Lebens. Das Lotos-Sutra, die wahre Philosophie des Lebens, stellte erstmals fest, dass eine Umgebung nur in Beziehung zu den darin vorhandenen Lebewesen erklärt werden kann. Miao-lo aus China schreibt in seiner Hokke Mongu Ki (Anmerkungen zu den Wörtern und Sätzen des Lotos-Sutras), dass die zehn Zustände des Lebens und seiner Umgebung Manifestationen von Myoho-Renge-Kyo sind. Er erläutert, dass das Wesen der Umgebung und das Wesen des Lebens eine vollkommene Einheit bilden. Eine Umgebung ist immer das Wesen von Myoho-Renge-Kyo, genau wie das Leben darin auch. Beide sind Aspekte des Gesetzes von Myoho-Renge-Kyo; denn das ursprüngliche Gesetz des Lebens selbst, Myoho-Renge-Kyo, offenbart sich selbst gleichzeitig in der Form der Lebewesen und als deren Umgebungen und verbindet beide miteinander. Daraus ersehen wir das mächtige Prinzip des Buddhismus, dass eine Revolution des Lebens (shoho) immer auch zu einer Revolution der Umgebung (eho) führt.

Dr. Hisyuki Omodaka schrieb in einem Artikel: "Die Menschen neigen dazu, von einer einzigen riesigen Umwelt auszugehen, die allen Lebewesen gemeinsam ist. Menschen, Fische Vögel usw. haben jedoch jeweils ihre eigenen spezifischen Umgebungen. Die Umgebung ist für jedes Individuum eine andere. In Wirklichkeit gibt es unzählige Umgebungen. Es gibt keine Umwelt, die unabhängig von den Lebewesen existiert. So wie die Lebewesen im Verlauf der Evolution allmählich bestimmte charakteristische Eigenschaften entwickeln, entwickelt sich auch die Umgebung, ausgehend von den Lebewesen, allmählich zu einer Form, die der Einzigartigkeit jedes Lebewesens entspricht." Dr. Omodaka vertritt den Standpunkt, dass sich die Lebewesen und ihre Umgebung einander anpassen, und dass sie ihren gemeinsamen Ursprung in einem "Ur-Dasein" haben. Seine Beobachtungen aus der Welt des Lebendigen decken sich mit dem Prinzip von der Einheit des Lebens und seiner Umgebung (esho funi).

Er (Miao-lo) sagt auch: "(...) Die zehn Welten erfordern ganz sicher sowohl Leben als auch seine Umgebung." Das bedeutet, dass man jede der zehn Welten mit Sicherheit sowohl an einem Lebewesen als auch an dessen Umgebung wahrnehmen kann.

(...) Die Aussage, dass die zehn Welten im Leben und in seiner Umgebung offenbar sind, kann man auch so interpretieren, dass sich das Leben des Daishonin in der Schriftrolle des Gohonzons manifestiert, dessen Umgebung der buddhistische Altar ist.[19]

Wenn das Bewusstsein der Einheit mit dem Universum verloren geht, werden die Menschen isoliert und entfernen sich. Innerlich verarmt und alle Werte negierend, bleibt ihnen nur noch die Gewalt. Wenn bei den Menschen das Bewusstsein vom Einssein mit dem unendlichen Leben, dem Mystischen Gesetz, entsteht, werden die Menschen sich fühlen, als währen sie von der Knechtschaft befreit. Nichiren sagt: "Letztlich sind alle Phänomene im eigenen Leben enthalten, bis zum letzten Staubkorn. Die neun Berge und acht Meere sind in unseren Leben enthalten, bis zum letzten Staubkorn. Die neun Berge und acht Meere sind in unserem Körper enthalten; wir tragen in uns Sonne, Mond und die Myriaden von Sternen."[20]

Berge und Meere, Sonne, Mond und Sterne sind alle Teil unseres Seins; Nichiren beschreibt einen unendlich weiten und großartigen Zustand. Der Gohonzon offenbart die unendliche Weite des Lebens des ursprünglichen Buddhas, der die Einheit von Universum und der eigenen Person erkennt. Damit auch wir den gleichen Zustand entwickeln können, hat Nichiren allen Menschen diesen Gohonzon gegeben. Auch außerhalb der buddhistischen Tradition finden sich ähnliche Einsichten. Der englische Schriftsteller D.H.Lawrence (1885-1930) schreibt beispielsweise: "Ich bin so Teil der Sonne, wie mein Auge Teil von mir ist. Meine Füße wissen genau, dass ich Teil der Erde bin, mein Blut ist ein Teil des Meeres. Meine Seele weiß, dass ich Teil der Menschheit bin, meine Seele ist Teil der großen menschlichen Seele, mein Geist ist Teil meiner Nation."[21]

Er beschreibt das Gefühl der Einheit von einer Person mit dem Universum. Seit Menschengedenken haben Philosophie, Religion und Literatur in Ost und West versucht, das menschliche Leben zu definieren. Der Buddhismus Nichirens verleiht der Einheit von Leben und Universum sowohl theoretisch als auch praktisch vollkommen Ausdruck. Er ist eine Religion des universalen Humanismus.[22]

Ob es sich nun um eine Klein- oder Großstadt oder ein Dorf irgendwo auf der Erde handelt: der Ort, an dem Menschen leben, die an den Gohonzon glauben, wird zum Land des Buddhas. Das heißt, die positive Veränderung, die Sie in Ihrem Leben erreichen, führt zu einer positiven Veränderung in Ihrer jeweiligen Gemeinde. Das entspricht dem Prinzip von esho funi, dem Prinzip der Untrennbarkeit des Individuums und seiner Umgebung.

Wir zeigen, wie großartig der Buddhismus ist, wenn wir unsere eigene Umgebung verbessern. Wahres Glück und das Wohlergehen der Gesellschaft hängt vor allem davon ab, wie wir unseren Glauben zeigen. Nichiren Daishonin schrieb einmal einem seiner Schüler: "Ich vertraue Ihnen alle Bodhisattva-Aktivitäten in Ihrer Provinz an. Sie sollten die wahre Lehre verbreiten und wissen, dass die Saat der Buddhaschaft Ihren Bemühungen entsprechend sprießt."[23] Unsere Ausübung besteht darin, die Saat für das Glück in das Herz aller Menschen unserer Umgebung zu pflanzen.[24]

Wir können unsere Umgebung ändern, indem wir uns selbst ändern.[25]

Auch wenn das eigene Karma nicht so leicht genommen werden sollte, der Buddhismus lehrt, dass jeder Mensch, und auch seine Umgebung, das mitgeführte "böse" Karma ändern kann. "Böse" heißt nicht "schlechtes Karma, das mir zuteil wird ...", und "ändern" heißt nicht, dass Karma sich einfach auflöst.

"Böse" bedeutet, (...), dass man das Leben nicht schätzt und achtet, dass man seine Umgebung "bösartig" behandelt, über andere schlecht denkt und spricht; und "ändern" bedeutet zunächst einmal, seine eigene negative Einstellung zu bereuen und zu ändern. Das ist natürlich gar nicht einfach und es hat auch nicht unbedingt mit "Einsicht" zu tun, denn sonst müssten die Menschen an den verschiedensten Orten der Welt nicht so schrecklich weiterleiden, obwohl sie es gewiss nicht wollen. Herr Kaneda, der Verantwortliche der SGI-Bewegung in Italien, pflegt gelegentlich zu bemerken: "Ihre Umgebung ist nichts anderes als Ihr Komplize, der Ihnen hilft, dass Sie Ihr Karma erleben können."[26]


 

GANKEN OGO

(auf eigenen Wunsch hin Karma annehmen)

"Der Buddhismus lehrt, dass man sich 'freiwillig entscheidet, in schlechten Umständen geboren zu werden, um so anderen helfen zu können'. Das bedeutet, dass wir uns absichtlich entschlossen haben, inmitten leidender Menschen geboren zu werden, um das Mystische Gesetz zu verbreiten, obwohl wir schon genügend Wohltaten angesammelt haben, um in günstige Lebensumstände hineingeboren zu werden."[27]

"Lasst es wissen, dass derjenige ein großer Bodhisattva ist, der (...) die Wohltaten seines eigenen Tuns verschmäht und aus Barmherzigkeit mit allen Lebewesen in die dunkle Welt wiedergeboren wird, wo er dieses Sutra unter großem Einsatz verbreitet."[28]

Auf der Grundlage dieses Abschnittes formulierte der chinesische Gelehrte Miao-lo (711-782) das Konzept von ganken ogo oder auch 'auf eigenen Wunsch hin (schlechtes) Karma annehmen'. (Es beinhaltet den Gedanken: "dies ist das Karma, das ich mir gewünscht habe" oder "diese Schwierigkeit brauche ich für kosen-rufu".) Das heißt: ein Bodhisattva, der eigentlich durch das selbst erschaffene Glück an einem idealen Ort wiedergeboren werden kann, verzichtet genau darauf und entscheidet sich aus freien Stücken, inmitten der leidenden Wesen wiedergeboren zu werden, um sie zur Erleuchtung zu führen. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Praxis lehrt uns dieses Konzept, dass wir unsere eigenen Leiden nicht nur als karmische Vergeltung betrachten sollten, sondern in einem tieferen Sinne als eine wunderbare Gelegenheit, anderen Menschen die Kraft und die Wohltaten des Gohonzons anschaulich zu zeigen und sie dadurch auf den Weg des Glaubens zu führen. (...) Wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo verbreiten, dann tun wir es als Boten Nichiren Daishonins, des Wahren Buddhas im Späten Tag des Gesetzes.[29]


 

GYAKUEN

(umgekehrte Beziehung)

Das 20.Kapitel des Lotus-Sutras handelt von Bodhisattva Fukyo, der gegen Ende des Gesetzes des Buddhas Ionno über viele Jahre hinweg geschmäht und verleumdet wurde. (...).

Der Bodhisattva Fukyo hat sich, wann immer er einem Menschen begegnete, vor ihm verbeugt und ausgerufen: "Ich achte dich sehr" weil er erkannte, dass jeder Buddha werden konnte. Seine Ausübung beruhte auf tiefster Sympathie für seine Mitmenschen.

Andere zu verehren, die höchste Ausübung zur Achtung der Würde des Lebens, war ein wichtiger Teil der Bodhisattwa-Ausübung Shakyamunis in der fernen Vergangenheit. Der Bodhisattwa Fukyo war redlich bemüht, diese Überzeugung über die Würde des Lebens praktisch umzusetzen. Er lebte aber in einem korrupten und unreinen Zeitalter. Die Menschen konnten die edle Absicht darin nicht verstehen. Eine unreine Zeit erkennt man daran, dass es viele Menschen gibt, die sich über einen Menschen von wahrer Größe lustig machen und sich selbst durch eine schamlose Täuschung in einem besonders guten Licht erscheinen lassen. Diese ignoranten Menschen zahlen einem gerechten Menschen die Weigerung, seine Überzeugung aufzugeben, mit Verfolgung heim.

Soche Menschen schlugen den Bodhisattwa Fukyo mit Stöcken und vertrieben ihn mit Steinwürfen.[2a]

Nichiren Daishonin bediente sich dieser Geschichte (...), um das Prinzip der "umgekehrten Beziehung" (gyakuen) zu lehren. Jene, die Bodhisattva Fukyo, einen Anhänger des Lotus-Sutras, schmähten, fielen dafür in die Hölle des unaufhörlichen Leidens. Dennoch haben sie eine Beziehung zum Lotus-Sutra hergestellt, sei es auch nur eine "umgekehrte", indem sie es verleumdeten. Aufgrund dieser Verbindung, und nachdem sie für ihre Verleumdung gebüßt hatten, war es ihnen möglich, das Lotos-Sutra noch einmal zu treffen und durch es errettet zu werden. Im Buddhismus gibt es keine ewige Hölle. Selbst wenn jemand das Mystische Gesetz verleumdet, wird die Verbindung, die diese Person dadurch zum Gesetz hergestellt hat, letztlich dazu führen, dass sie die große Wohltat der Buddhaschaft erfährt.[30]


 

HENDOKU IYAKU

(Gift in Medizin verwandeln)

Im Gohonzon sind rechts und links von Nam-Myoho-Renge-Kyo die beiden Buddhas Shakyamuni und Taho eingeschrieben. Taho steht für viele Schätze, für sichtbares Beweismaterial; Taho ist das Objekt, Shakyamuni ist das Subjekt, unser Bewusstsein, das darüber entscheidet, ob wir den Wert der objektiven Gegebenheiten schätzen können. Wenn Objekt und Subjekt verschmelzen, dann kommt das buddhistische Prinzip "Hendoku Iyaku" zum Tragen. Gift in Medizin verwandeln, wie dieses Prinzip übersetzt heißt, bedeutet nicht, dass die Substanz selbst plötzlich eine andere wird. Die Frage ist, welche Rolle spielt das Mittel in unserem Leben? Setzen wir sie zu unserem Glück ein oder im Gegenteil zu unserem Unglück? Darüber entscheiden wir letztlich selbst. Wir dosieren den Stoff und bestimmen so die Wirkung: ob giftig oder heilsam. Bestimmte Umstände sind einfach da, ob uns das lieb ist oder nicht. Wenn wir sie annehmen, können wir gleichzeitig damit beginnen, zu lernen, so mit ihnen umzugehen, dass sie uns nicht mehr überwältigen können.

Gewöhnlich haben wir die Tendenz zu trennen: Zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Wissenschaft analysiert und erfasst durch die Trennung von Objekt und Subjekt immer nur einen Bruchteil der Wahrheit. Für die zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Vereinzelung in der heutigen Gesellschaft eine häufige Ursache für Leid. Selbst in der Natur haben wir statt reicher Erde immer mehr losen Sand. Vereinzelte Staubkörnchen sind nicht der Nährboden für Liebe, Kultur und Frieden. Was wirkt einer solchen Verwüstung entgegen? Die Veränderung beginnt bei der Einstellung: Statt der Trennung von Objekt und Subjekt, in Du und Ich, können wir durch unsere Einstellung Zusammengehörigkeitsgefühl und Einheit vorbereiten.[31]

Die meisten Arzneien sind Gifte, und sie wirken, weil dieses Gift in Medizin verwandelt wird. Der Körper behandelt sie als Gift und aktiviert alle möglichen Arten von Abwehrmechanismen. Der Nebeneffekt dieser Abwehrmechanismen ist, dass sie Krankheit beseitigen.

Genau das gleiche kann man über den menschlichen Geist sagen. Wenn einem Menschen aufgrund einer äußeren Ursache Leid wiederfährt (und eine Tür zuschlägt), so öffnet das Erscheinen solch einer leidvollen Begebenheit eine andere Tür. Das ist der Wert von Leiden und die Wirksamkeit von Gift.

Ärger, ein Zustand, der im allgemeinen negativ bewertet oder sogar als geistiges Gift betrachtet wird, kann auch Medizin sein, die uns Stärke gibt. Gerechtigkeit wird durch Ärger verwirklicht. Ein Leben ohne Ärger ist ein Leben ohne Gerechtigkeit. Wenn wir Feiglinge sind, wird das Böse triumphieren. (...) Ärger ist der Antriebsstoff, der unseren Kampf gegen das Falsche und das Ungerechte aufrecht erhält.[32]

Wenn unser Glaube schwach ist, so bleibt das Gift in uns Gift. Aber wenn unser Glaube stark ist, wird jegliches Gift, egal wie stark und gegenwärtig, in wohltuende Medizin verwandelt werden. Haben Sie äußerste Zuversicht. Je größer das Leiden, desto glücklicher werden wir sein. Wer am meisten leidet, wird letzten Endes am glücklichsten werden. So wirkt das Mystische Gesetz; das ist die immense Kraft des unergründlichen Lebensgesetzes.[33]

Die "drei Gifte" sind drei Arten von Leiden, die das höchste Gut in uns verdecken. Es sind : Habgier, Ärger und Dummheit. Diese Gifte gehören seit jeher zum Leben. Sie werden als Elemente unseres Daseins auch nie verschwinden, doch sind sie manchmal aktiv, manchmal passiv. Das buddhistische Prinzip "Gift in Medizin verwandeln" ist eine grundlegende buddhistische Lebenshaltung - das Negative nicht einfach zu akzeptieren, sondern daraus ständig das Positive zu produzieren. Alles ändert sich ständig. Wichtig ist, dass wir uns immer wieder zum "Leben" statt zum "Sterben" entschließen. Friedrich Nietzsche sagte: "Starker Wein ist für schwache Menschen wie Gift und für starke Menschen wie Medizin". Nüchtern zu sein, bedeutet, sich der Gifte bewusst zu werden. Die Dunkelheit erkennt man im Zusammenhang mit dem Licht. Genauso fühlt man die Freiheit in Anwesenheit der Unfreiheit. Die ständige Konfrontation und die Spannung zwischen Gegensätzen (auch zwischen Mann und Frau) lassen die Dynamik des Ganzen und schließlich des Lebens erkennen.

(...) Ohne Disharmonie ärgere ich mich nicht. Ohne den Wunsch, diesen Ärgerzustand zu überwinden, kann es nach meiner Meinung keine Veränderung in der Persönlichkeit eines Menschen geben. Disharmonie hat immer auch etwas mit der eigenen Negativität zu tun. Weil man die überwinden möchte, ändert man sich. Ich bin froh darüber, dass es zwischen meiner Frau und mir häufig Meinungsverschiedenheiten gibt. Ohne diese Konflikte hätte ich mich nicht so entwickelt.

(...) In der Gosho gibt es folgenden Vergleich: Daimoku zieht uns durch das Leben wie die Kuh einen Karren. Die Landschaften, durch die wir dabei kommen, ändern sich ständig. Wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, ist sicher, dass auch die hässlichste Landschaft vorübergehen und wieder eine schöne kommen wird. Ich kann deshalb mit Gelassenheit auf das reagieren, was um mich herum passiert. Ich muss mich nicht mehr ständig ärgern. Man entzieht äußeren Anlässen mit einer solchen Gelassenheit den Boden. Es gibt keine innere Ursache mehr für den Ärger.[34]

Um welche Krankheit es sich auch handeln mag, durch die gute Medizin des Mystischen Gesetzes können die Menschen die Dinge wenden und glücklicher als je zuvor werden, sie können ein Leben voller Lebendigkeit führen. Der Buddhismus lehrt, wie wir "Gift in Medizin verwandeln" und unser Schicksal zum Besseren ändern können.[35]

Nam-Myoho-Renge-Kyo ist somit die Lebenskraft und Weisheit, die alles Negative sowohl in unserem Leben als auch in unserer Umgebung reinigt und ins Positive verwandelt. Der buddhistische Glaube soll sich konkret in unseren Handlungen und ununterbrochenen Bemühungen zeigen, alles Negative und Unreine zu überwinden, das uns Schwierigkeiten bereitet, und aus jeder Situation das Beste zu machen.[36]

Das heißt (...), gute Charaktermerkmale werden stärker, während negative Züge entweder ruhen oder positive Auswirkungen bringen.[37]


 
HON IN MYO

(Wahre Ursache)

Klammern wir uns an unsere Vergangenheit, leiden wir in unserer Gegenwart und verwehren uns selbst und anderen eine strahlende Zukunft? Oder starten wir "jetzt", mit all den Möglichkeiten, die das "Jetzt" in sich birgt? (...)

Im Buddhismus wird diese Haltung "von jetzt an" mit "hon'in myo" bezeichnet.

"hon'in" bedeutet wörtlich "Wahre Ursache", und "myo" bedeutet "mystisch". Es bezieht sich eigentlich darauf, wie Shakyamuni, der erste historische Buddha, seine Erleuchtung erlangte. Seine Erleuchtung war die Wahre Wirkung.[38]

Es gibt nun im ganzen Lotos-Sutra nur eine einzige Stelle im 16.Kapitel, in der auf die Ursache für die Erlangung der Erleuchtung des Ewigen Buddhas Shakyamuni hingewiesen wird: "Seitdem ich Buddha geworden bin, ist eine äußerst lange, ewige Zeit vergangen. Meine Lebensdauer beträgt eine unermessliche Zahl von Asamkhyeya-Kalpas und bleibt stets erhalten, ohne zu erlöschen. Gute Männer, einst praktizierte ich einen Bodhisattva-Weg, und die Lebensdauer, die ich dadurch erwerben konnte, ist immer noch nicht erschöpft. Sie wird noch doppelt so lange dauern wie bis hierher vergangen."[39]

Der Große Lehrer T'ien-t'ai definiert in seinem Kommentarwerk "Hokke Gengi (Die tiefen Bedeutungen des Lotos-Sutras") die Ausübung des Bodhisattva-Weges als die "Wahre Ursache" (jap. hon'in) für die Erlangung der ursprünglichen Erleuchtung Shakyamunis, die ihrerseits als die "Wahre Wirkung" (jap. honga) bezeichnet wurde. Der Buddha-Zustand, der erlangt wurde, steht also für die Wirkung, während der Bodhisattva-Zustand den Status der Ursache dafür darstellt. Solange aber von einer "Erlangung der Erleuchtung oder des Buddha-Zustandes" die Rede ist, wird der Buddha-Zustand jedoch noch als etwas verstanden, was erst erlangt werden soll. So handelt es sich um einen Übergang von einem Ursache-Status zum Wirkungs-Status.[40]

Nichiren Daishonin beschrieb die Wahre Ursache, die es allen Menschen ermöglicht, die Buddhaschaft zu verwirklichen, als das Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo. Durch die Enthüllung dieses Gesetzes gab uns Nichiren Daishonin das Mittel, durch das wir unser volles Potential als Menschen enthüllen können.[41]

Der erste wichtige Ansatz, der sich aus dem Verständnis des Prinzips der Wahren Original-Ursache der Erleuchtung ergibt, liegt - wie wir festgestellt haben - darin, ob und wieweit man die Überzeugung vertiefen kann, dass das eigene Leben in sich erleuchtet und vollkommen und mit dem Potential des absoluten Glücks ausgestattet ist, das von äußeren Umständen nicht abhängt. Es versteht sich von selbst, was die Konsequenzen daraus sind, ob man eben gerade diese Überzeugung zum Ausgangspunkt seiner Lebensgestaltung nimmt, oder etwa ein Schuld- und Minderwertigkeitsgefühl, das ebenso die grundlegende Einstellung zum eigenen Leben bilden kann. In diesem Sinne können wir nie genug das "Prinzip der Wahren Ursache" betonen.

Das Chanten von Nam Myoho Renge Kyo mit tiefem Glauben zum Gohonzon (bringt) die Ausübenden ohne Schuldgefühle zum Ursprung zurück - von Anfang an, von nun an.[42]

Die Achtung der Würde des Lebens findet im Buddhismus der "wahren Ursache" in den Worten Ausdruck "ursprünglich habe ich die Ausübung eines Bodhisattvas durchgeführt". (...)

Dieses "Ich" verweist darauf, dass Shakyamuni in der fernen Vergangenheit als ein Mensch wie wir und nicht als ein übermenschliches Wesen die Ausübung als Bodhisattva durchgeführt hat. "Ursprünglich" bezieht sich auf den Ursprung des Lebens. Shakyamuni vertritt als ein Mensch, der die Ausübung der "wahren Ursache" macht, den gewöhnlichen Menschen von kuon ganjo, der zum Ursprung seines Lebens zurückkehrt.

(Nichiren sagte:) Die Ausübung, die Nichiren jetzt durchführt, unterscheidet sich nicht im geringsten von dem Verhalten des (gewöhnlichen Sterblichen Shakyamuni im Zustand von) myoji-soku in der fernen Vergangenheit."[43] "Zwischen der Ausübung Shakyamunis in der fernen Vergangenheit und Nichirens jetziger Ausübung gibt es keinen Unterschied nach Kriterien wie überlegen oder unterlegen."[44]

Myoji-soku ist die Ausübung von jemandem, der den Glauben an das mystische Gesetz ausübt.[45]

Die "wahre Ursache" ist die grundlegende Ursache für die Buddhaschaft. Sie ist die tiefe Quelle des Glücks. Diese Ursache liegt in der Ausübung Shakyamunis in der fernen Vergangenheit: Man spricht in diesem Zusammenhang von dem mystischen Prinzip der "wahren Ursache", weil es mystisch und außerhalb unseres Verständnisses liegt.[46]

Die Ausübung, das Mystische Gesetz zu verehren, ist mystisch und unfassbar. Das liegt daran, dass darin sowohl die "wahre Ursache" als auch die "wahre Wirkung", die Erlangung der Buddhaschaft enthalten ist. Das bedeutet letztendlich das Prinzip glücklich zu werden, also das Prinzip der "wahren Ursache".

Die Ausübung eines Bodhisattvas, die Shakyamuni in der fernen Vergangenheit durchführte, wird teilweise durch die Ausübung des Bodhisattva Fukyo (Der Niemals Verachtet) veranschaulicht. Bodhisattva Fukyo war einer der Namen für Shakyamuni in einem früheren Leben, der in einem dekadenten Zeitalter nach dem Tode des Buddhas Ionno die Ausübung eines Bodhisattvas gemacht hatte.

Der Bodhisattva Fukyo hat sich, wann immer er einem Menschen begegnete, vor ihm verbeugt und ausgerufen: "Ich achte dich sehr" weil er erkannte, dass jeder Buddha werden konnte. Seine Ausübung beruhte auf tiefster Sympathie für seine Mitmenschen (auch wenn sie ihn schlugen und vertrieben).

Der Bodhisattva Fukyo handelte sehr flexibel. Einerseits unterwarf er sich nicht, andererseits legte er es nicht auf eine Konfrontation an. Er war ganz und gar nicht feige, weder übereifrig heroisch, noch angetrieben von einer Haltung, die zum tragischen neigte. Seine Stärke war seine Flexibilität. Er blieb fest bei seiner Überzeugung, unabhängig davon, wie groß seine Verfolgungen waren. Er gab niemals seine Überzeugungen auf und fiel niemals im Glauben zurück.

Wenn man sein Leben auf der Grundlage des Prinzips der "wahren Ursache" führt, macht man seine Ausübung als ganz einfacher Mensch bei den Menschen. Man braucht sich nicht besonders fein zu machen. Ein Bodhisattva ist ehrlich und geradeheraus. Er tut den Menschen gut und setzt durch sein geradliniges Handeln die Ursachen für das Glück dieser Menschen. Das ist die Ausübung der "wahren Ursache" von Bodhisattvas.

Die buddhistische Ausübung unserer Zeit ist nicht die Verehrung der wahren Wirkung. Da die Erleuchtung darin liegt, das Mystische Gesetz anzunehmen, können wir sofort die Welt der Buddhaschaft in unserem Leben manifestieren, wenn wir den Gohonzon annehmen. Die Ausübung eines Bodhisattvas des Buddhismus der "wahren Ursache" liegt darin, sich auf der Basis der Buddhaschaft den neun Welten zuzuwenden. Man könnte auch sagen, sich auf der Grundlage der Buddhaschaft kopfüber in die Realität einer Gesellschaft stürzen, die von den neun Welten beherrscht wird.

Unsere Ausübung ist also ein ständiges Hin- und Herwandern zwischen der Ausübung für sich selbst (indem man Gongyo macht und Daimoku rezitiert) und der Ausübung für andere (die darin besteht, das Mystische Gesetz zu verbreiten). Der Schlüssel zur Manifestation der Buddhaschaft liegt in dieser beständigen Ausübung.

Der 65. Hohepriester Nichijun beschrieb den Geist des Buddhismus der "wahren Ursache" folgendermaßen: "Wenn die Menschen glauben, es handele sich lediglich um die Handlungsweise des Buddhas, andere zu lehren, und nicht erkennen, dass es das Vorbild für ihre eigene Lebensweise ist, dann ist die Lehre von der Verbreitung der 'wahren Ursache' tot." (Er) sagte auch: "Man könnte auch sagen, mit der Verbreitung der 'wahren Ursache' ist eine positive, auf die Zukunft gerichtete Einstellung gemeint."

Wenn wir fühlen, dass "jetzt die Zeit ist" und "alles davon abhängt, was ich von jetzt an tue", können wir voll Hoffnung beständig unsere Situation verändern.

Wichtig ist, angesichts von Schwierigkeiten auch nicht einen Schritt zurückzuweichen. Wir sollten nicht schwach, voller Zweifel und Klagen sein.

Es ist wichtig, dass wir immer fortfahren, das Mystische Gesetz mit dem Entschluss zu rezitieren, die Buddhaschaft in diesem Leben zu verwirklichen.

Shakyamuni sagt an anderer Stelle: "Suche nicht die Vergangenheit, und halte nicht an leeren Hoffnungen für die Zukunft fest. Die Vergangenheit ist schon vorbei, und die Zukunft noch nicht da. Betrachte genau das Wesen der Gegenwart inmitten der Wirklichkeit. Wer ohne zu schwanken klar die Gegenwart ansieht, vertieft seinen Zustand. Konzentriere Dich einfach ganz darauf, das zu tun, was heute getan werden muss!"

Wir kehren jeden Tag zum Ursprung des Lebens (von kuon ganjo) zurück und gehen aufs Neue voran.[47]

Shakyamuni im Schatzturm weist auf die "Wahre Ursache" (Hon-in) hin, durch die er in der weit entfernten Vergangenheit die Erleuchtung erlangen konnte: " Ga hon gyo bosatsu do ('Einst habe ich mich in der Bodhisattva-Ausübung angestrengt.')"[48]. Die Weisheit oder Erleuchtung Shakyamunis ist also eine 'erworbene', eine 'Wirkung', und kennt einen 'Anfang'. Der Daishonin nennt die Ursache dieser Wirkung (Samen des Buddhas) das 'Mystische Prinzip der wahren Ursache' (Hon-in-myo), das Lebensgesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo. Daher, vom Standpunkt des Daishonins aus gesehen, erweist sich das Wesen der 'Weisheit' Shakyamunis als eine erworbene (eine 'Wirkung'), also keine ursprüngliche Weisheit ('Ursache' für die Verwirklichung der Buddhaschaft).[49]

Nichiren Daishonin ist der wahre Buddha von Hon-in-myo, in dem alle drei Gestalten des Buddhas vereint sind, während Shakyamuni und alle anderen Buddhas stets eine Wirkung und jeweils lediglich einen Aspekt der drei Gestalten darstellen. Der Schakyamuni-Buddhismus wird Buddhismus der Wahren Wirkung (Hon-ga-myo) genannt. Es verhält sich - bildlich dargestellt - etwa so, dass Shakyamuni-Buddha auf dem Gipfel eines Berges steht und von dort aus je nach der Fähigkeit der Menschen verschiedene Wege zeigt. Nichiren Daishonin, der Buddha der Wahren Ursache, steht selbst am Fuß des Berges und zeigt, wie man den Berg besteigt.

(...) Nichiren Daishonin, der ursprüngliche Buddha der Ewigkeit (kuon-ganjo), offenbarte das 'Gesetz der Wahren Ursache für die Verwirklichung der Buddhaschaft' und hat die 'Zeremonie in der Luft' in Gestalt des Gohonzons für die ganze Zukunft wiedergegeben. Jeder, der zum Gohonzon Nam-Myoho-Renge-Kyo chantet, erweist sich als Bodhisattva aus der Erde.[50]

Die Tatsache (dass im Vergleich zu Nam-Myoho-Renge-Kyo, der in den Tiefen des Juryo-Kapitels verborgenen einen wahren Lehre, welche das tatsächliche ichinen sanzen kennzeichnet, auch die wesentliche Lehre des Lotos-Sutras als theoretisches ichinen sanzen gilt) liegt dem Daishonin in vielen seiner Schriften besonders am Herzen. In der Gosho "Das mystische Prinzip der Wahren Ursache" heißt es beispielsweise:

"Die theoretische Lehre wird als die Theorie von ichinen sanzen bezeichnet, aber beim Lotos-Sutra, welches der Buddhismus der Ernte ist, ist sowohl dessen theoretische als auch dessen wesentliche Lehre Theorie. Die wesentliche Lehre bezeichnet man als die Realität von ichinen sanzen, aber die eine Wahre Lehre ist der in den Tiefen des Lotos-Sutra verborgene Buddhismus des Säens."

Aber lediglich die "Ernte", d.i. die von Shakyamuni erzielte Wirkung (die Erleuchtung) wird in der wesentlichen Lehre des Lotos-Sutras erörtert; auf die Ursache, die Shakyamuni zu dieser Wirkung instand setzte, geht sie nicht genauer ein, sondern verweist auf diese lapidar als "strenge Bodhisattvapraktiken". Davon rührt die Bezeichnung von Shakyamunis Buddhismus als Buddhismus der Wahren Wirkung her. Seine Bezeichnung als Buddhismus der Ernte hat er daher, dass er nur bei jenen wirksam werden und sie zur Erleuchtung führen konnte, die Shakyamuni schon in vergangenen Lebensexistenzen gelehrt hatte. Der Buddhismus Nichiren Daishonins geht über diese Grenze hinaus, als durch ihn die Ursache erschlossen wird, die alle Menschen zur Erleuchtung führt und auch Shakyamuni in der weit zurückliegenden Vergangenheit von gohyaku-jintengo führte. Daher die Bezeichnung von Nichiren Daishonins Buddhismus als Buddhismus der Wahren Ursache, den man auch den Buddhismus des Säens nennt, denn er pflanzt den Samen der unmittelbaren Erlangung der Buddhaschaft in die Herzen der Menschen ein.[51]


 

HOSSHAKU KEMPON

(die vorläufige Gestalt ablegen und das wahre Wesen hervorbringen)

Ein Mensch, der unablässig kämpft und handelt, um die Menschen zu retten, dieser Mensch ist der Buddha. Ein Buddha ist kein besonderes Wesen. Das Herz, das unablässig kämpft, ist der Buddha. Der Körper, der unablässig handelt, ist der Buddha. Die Erleuchtung Shakyamunis unter dem Bodhi-Baum und Nichiren Daishonins hosshaku kempon zeigen die Gestalt der Erleuchtung, die höchste Erscheinungsform des Menschen. Aber Shakyamuni und Nichiren Daishonin sind beide Menschen geblieben. Das heißt, dass auch die Gestalt der Erleuchtung gleichzusetzen ist mit der Gestalt des gewöhnlichen Menschen. Das ist der Kern des Buddhismus. Die Buddhaschaft existiert im Glauben derjenigen, die sich eifrig für die buddhistische Ausübung anstrengen und für Kosen-rufu einsetzen, ohne auszuweichen. Jemand, der zu entscheidenden Zeiten nicht kämpft, ist ein Heuchler und ein Feigling. Das ist keine Buddhaschaft, sondern nur der Höllenzustand.[52]

Die große Enthüllung des Juryo-Kapitels (beginnt, indem Shakyamuni sagt): "Alle Götter, Männer und asuras dieser Welt glauben, dass Shakyamuni Buddha, nachdem er den Palast der Shakyas verlassen hatte, sich zur Meditation nicht weit von der Stadt Gaya niederließ und die höchste Erleuchtung erlangte. Doch, Männer aufrichtigen Glaubens, es ist grenzenlos lang her - hundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta kalpas - seit ich tatsächlich die Buddhaschaft erlangt habe." Damit erklärt Shakyamuni Buddha, dass er die Buddhaschaft nicht, wie jedermann glaubte, unter dem Bodhi Baum in Buddhagaya erlangt habe. Tatsächlich, sagt er, sei er bereits seit unfassbar langer Zeit ein Buddha. Im Vokabular der Kommentare über das Lotos-Sutra heißt die Darlegung "Das Eröffnen des Nahen und die Enthüllung des Entfernten" (jap. kaigon kennon). Sie wird auch als hosshaku kempon bezeichnet, was soviel wie "Das Vergängliche ablegen und das Wahre enthüllen" bedeutet. Das heißt, der Buddha legt die Rolle ab, die er vorübergehend angenommen hat, um die Menschen zu einem bestimmten Ziel zu führen, und zeigt nun seine wahre Erleuchtung oder Identität.

Ein Buddha, der seine wahre Identität nicht gezeigt hat, wird ein Vorläufiger Buddha genannt (shakubutsu), während ein Buddha, der seine wahre Identität zeigt, ein Wahrer Buddha genannt wird (honbutsu). Das bedeutet, dass sämtliche Lehren, die Shakyamuni vor dem Lotos-Sutra lehrte, und hier auch die ersten vierzehn Kapitel, mit seiner vorläufigen Kapazität gelehrt wurden. Seine wahre Erleuchtung offenbarte er erst mit dem Juryo-Kapitel.

Wir sollten übrigens noch erwähnen, dass der Begriff hosshaku kempon in zwei Fällen gebraucht wird. Der eine bezieht sich auf die dramatische Enthüllung von Shakyamuni im Juryo-Kapitel, seine ursprüngliche Erleuchtung bereits in der weit entfernt zurückliegenden Vergangenheit erlangt zu haben. Der andere Fall bezieht sich auf Nichiren Daishonins Sieg über den Tod in Tatsunokuchi, wo er seine vorläufige Rolle als Bodhisattva Jogyo ablegte und sich selbst als der Wahre Buddha im Späten Tag des Gesetzes offenbarte.[53]

Im Juryo-Kapitel verkündet Shakyamuni, dass er die Buddhaschaft vor unendlich langer Zeit, genannt gohyaku-jintengo (und nicht im Alter von 42 Jahren, in seiner gegenwärtigen Existenz, wie alle glaubten[54]) erlangt habe, und dass er seither in dieser Welt immer als Mensch wiedergeborenen wurde, um die Menschen zu retten. in der buddhistischen Philosophie wird diese Offenbarung als hosshaku kempon bezeichnet, was wörtlich übersetzt bedeutet, "aus der Übergangszeit emporsteigen und die Wahrheit verkünden". Das ist die Tat, mit der der Buddha seine vorübergehende Erscheinung aufgibt, die er angenommen hatte, um die Menschen zu lehren, und er zeigt seine wahre Identität.

(...) In Wirklichkeit erzählte Shakyamuni seine persönliche Erfahrung (seine Erleuchtung vor unendlich langer Zeit), um einen konkreten Beweis (durch seine gegenwärtige physische Erscheinung) dafür zu liefern, was er theoretisch im 2.Kapitel erklärt hatte: Die Erleuchtung wohnt den Menschen inne und kann sichtbar werden. Durch die Offenbarung der Ewigkeit seines Lebens offenbart er auch die Ewigkeit der Buddhanatur jedes Menschen.[55]

Nichiren setzte das Prinzip "Das Vorläufige abzulegen und das Wahre zu offenbaren" bei der Verfolgung von Tatsunokuchi um. Diese Verfolgung ereignete sich am 12.September 1271. In der Gosho "Über das Öffnen der Augen" sagt er: "Am 12. Tag des 9. Monats des vergangenen Jahres, zwischen der Stunde der Ratte und des Ochsen (23.00 bis 3.00), wurde diese Person namens Nichiren enthauptet. Seine Seele war es, die auf die Insel Sado gekommen ist."[56]

Nichikan sagt zu diesem Satz: "Die wesentliche Bedeutung dieses Abschnitts ist folgende: Der Begründer und große Weise Nichiren spricht hier vom Wesen des Lebens eines normalen Menschen von myoji soku, der Buddha der grenzenlosen Freude von kuon ganjo wird und seine wahre Identität erlangt. Damit gibt er sich als der ursprüngliche Buddha des Buddhismus des Säens im Späten Tag des Gesetzes zu erkennen".

Nichiren erlebt die grenzenlose Freude des Buddhas von kuon ganjo als normaler Mensch. Auf diese Weise verwirklichte er das Prinzip von "das Vorläufige ablegen und das Wahre offenbaren".

Nichirens wahre Identität ist die des Buddhas der grenzenlosen Freude (jap. jijuyushin) von kuon ganjo. Grenzenlose Freude steht für "das Selbst, das frei empfängt und anwendet".[57] Das ist der Zustand eines Menschen, der erkannt hat, dass das ganze Universum sein eigenes Leben ist, und der frei die Kraft des Mystischen Gesetzes, der Quelle des kosmischen Lebens, empfängt und anwendet.

(...) Wenn wir darüber sprechen, dass Nichiren das "Vorläufige ablegt und das Wahre offenbart" hat, sollten wir ihn damit nicht auf eine Ebene heben, die für normale Menschen nicht erreichbar ist. Tatsächlich zeigt Nichiren bei der Verfolgung von Tatsunokuchi wie man sich als Mensch verhalten soll. Nichiren selbst war ein Beispiel für menschliche Größe und Würde. Damit hat er nicht aufgehört, ein Mensch zu sein, sondern er zeigte die Größe seines Lebens und damit auch des Lebens aller Menschen.[58]

Jeder Mensch kommt irgendwann im Leben in eine ausweglose Situation. (...) Wenn Sie glauben, Sie stecken fest, dann fordern Sie sich bitte heraus und bemühen Sie sich, die eigene Schwäche zu überwinden, indem Sie die große Kraft des Glaubens aufbieten. Präsident Toda sagte, dass dies der Weg ist, 'das Vergängliche abzulegen und das Wahre eigenen Leben zu offenbaren'.[59]

"Alle Götter, Menschen und 'Asuras' dieser Welt glauben, dass Buddha Shakyamuni am Ort der Meditation, nicht weit entfernt von der Stadt Gaya, Platz nahm, nachdem er den Palast der Shakyas verlassen hatte und die höchste Erleuchtung erlangte.
Aber, Menschen aufrichtigen Glaubens, die Zeit ist grenzenlos und unbeschränkt - hundert, tausend, zehntausend, hunderttausend, nayuta Äonen - seit ich tatsächlich die Erleuchtung erlangte." [60]
Hier verkündet Shakyamuni, dass er seit der entfernten Vergangenheit ein Buddha gewesen ist, und nicht erst, seit er unter dem Bodhi-Baum zur Wahrheit erwachte. Diese Enthüllung nennt man 'Kaigon kennon'. Wörtlich bedeutet das, "das Nahe zu öffnen und das Entfernte zu offenbaren". "Das Nahe" bezeichnet die jüngste Vergangenheit nämlich Shakyamunis Verwirklichung der Buddhaschaft im Alter von 30 Jahren in Indien.[54] "Das Entfernte" bezieht sich auf Gohyaku-jintengo, als er zum erstenmal die Erleuchtung erlangte. Diese Offenbarung wird auch als 'Hosshaku kenpon' bezeichnet. Dessen wörtliche Bedeutung ist: "aus dem Vorübergehenden hervortreten und das Wahre offenbaren". Hiermit wird die Handlung eines Buddhas gemeint, seinen vorläufigen Status abzulegen, den er angenommen hat, um seine Lehre zu verkünden, und seine wahre Identität zu offenbaren.
Hier verweist "vorübergehend" auf Shakyamunis Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum während seines Lebens in Indien, während "wahr" seine ursprüngliche Erleuchtung in der entfernten Vergangenheit von Gohyaku-jintengo meint. Ein Buddha, der in einer vorübergehenden Eigenschaft handelt und seine wahre Identität nicht offenbart hat, wird vorläufiger Buddha genannt. Ein Buddha, der seine wahre Identität offenbart, wird dagegen als wahrer Buddha bezeichnet. Die ersten 14 Kapitel des Lotos-Sutras, die theoretische Lehre, wurden von einem vorläufigen Buddha verkündet - Shakyamuni in seiner vorübergehenden Eigenschaft - während die letzten 14 Kapitel, die die wesentliche Lehre (Honmon) genannt werden, vom wahren Buddha gelehrt wurden - Shakyamuni in seiner Eigenschaft als der Buddha, der seine wahre Identität offenbart hatte.
Dieses Konzept der "wahren Identität" gilt auch für Nichiren Daishonin. Viele Menschen im Späten Tag des Gesetzes halten ihn einfach für jemanden, der an einem Ort namens Kominato in der Povinz Awa in Japan geboren wurde und zum erstenmal im Alter von 32 Jahren Nam-Myoho-Renge-Kyo verkündete. Aber seine wahre Identität ist die des ewig erleuchteten Buddhas aus der Zeit ohne Anfang oder die des ursprüngliche Buddhas.[61]

Im Lotos-Sutra werden zwei myo oder mystische Prinzipien erläutert, das eine in den ersten 14 Kapiteln, welche die theoretische Lehre bilden, und das andere in den letzten 14 Kapiteln, welche die wesentliche Lehre bilden. Das mystische Prinzip der theoretischen Lehre ist, dass der Buddha die vorläufigen Lehren ablegt und das Lotos-Sutra als die Wahre Lehre enthüllt. Es ermöglicht den Menschen der zwei Fahrzeuge (Lernen und Teilerleuchtung), die Buddhaschaft zu erlangen. Das mystische Prinzip der wesentlichen Lehre ist, dass der Buddha seinen vorübergehenden Zustand ablegt und seine wahre Identität als der Buddha enthüllt, der vor unzähligen Äonen die Buddhaschaft erlangte.[62]

 


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[3]

Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S. 170ff.

[4] Yoshiharu Matsuno; Goshoerläuterung; Forum Oktober 1993; S. 12.
[5] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S. 177.
[6] Nichiren Daishonin; Deutsche Gosho II; S. 212.
[7] Yoshiharu Matsuno; Goshoerläuterung; Forum Oktober 1993; S. 14.
[8] Nichiren Daishonin; Deutsche Gosho; Band I; S. 212-213.
[9] Nichiren Daishonin; DG I; Hintergrund; S. 217.
[10] Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum November 1994; S. 28.
[11] Daisaku Ikeda; Mahayana-Buddhismus und die Zivilisation des 21. Jahrhunderts; Forum Dezember 1993; S. 8/9.
[12] Daisaku Ikeda; Frieden und Sicherheit für die Menschen; Forum April 1995; S. 8/9.
[13] Daisaku Ikeda; Humanismus - Die Grundlage für eine neue Welt; Forum Mai 1994; S.6/7.
[1a]

Engi: jap.: bedingtes, abhängiges Entstehen; wörtl.: Aufführung, Darstellung, Spiel;
en - Aufführung, Vorstellung, Spiel; gi - Technik, Fähigkeit, Kunstgriff.

[14] Daisaku Ikeda; Leonardos Vision und das Parlament der Humanität; Forum August/September 1994; S. 13.
[15] Nichiren Daishonin; DG-I-23.
[16] Daisaku Ikeda; Forum November 1996; S. 12f.
[17] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S. 144f.
[18] Zehn Welten: Hölle (jigoku) - eintausend yujun unter der Erdoberfläche; Hunger (gaki) - fünfhundert yujun unter der Erde; Animalität (chikusho) - im Wasser, auf dem Land und in der Luft; Ärger (shura) - an der Küste und in den Tiefen des Ozeans; Menschlichkeit oder Ruhe (nin) - auf der Erde; Himmel oder Entzücken (ten) - in einem Palast von der halben Höhe des Berges Sumeru an aufwärts; die vier edlen Welten: Zwei Fahrzeuge [Lernen (shomon) und Versenkung (engaku)] - eine Welt des Übergangs und der Mittel (hoben-do); Bodhisattva (bosatsu) - tatsächliche Beweise (jippo-do); Buddhaschaft (butsu) - Land des Buddhas (jakko-do).
[19] Daisaku Ikeda; Forum März 1994; S. 22ff.
[20] Nichiren Daishonin; Engl. Gosho-V-181.
[21] D.H.Lawrence; Apokalypse (New York: Penguin Books, 1976); S.126.
[22] Daisaku Ikeda; Forum August/September 1996; S.23.
[23] Nichiren Daishonin; Gosho Zenshu; S.1467.
[24] Übersetzung und Erläuterung von Hoben- und Juryo-Kapitel; S.73.
[25] Yoshou Hashimoto; Forum November 1993; S.33.
[26] Peter Kühn; Forum Mai 1994; S.10.
[27] Daisaku Ikeda; Neue Menschliche Revolution; Bd. 1-2; S. 108.
[28] Lotos Sutra; Kapitel 10.
[29] Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum April 1994; S. 29.
[2a] Daisaku Ikeda; Lotus-Sutra Erläuterung; Forum April / Mai 1997; S. 37.
[30] Die Erläuterung des Lotos-Sutras; Forum März 1995; S. 42.
[31] Yoshiharu Matsuno; Irdische Begierden sind Erleuchtung (Goshoerläuterung); Forum Oktober 1993; S. 13/4.
[32] Dr. Martin Seligman, Psychologe und Professor an der Universität Pennsylvania in einem Interview von Masao Yotkota, dem US-Korrespondenten der Seikyo Shimbun. Zitiert aus Daisaku Ikeda; Die Kraft, das Unglück zu besiegen; Forum August/September 1994; S. 27/8.
[33] Daisaku Ikeda; Die Kraft, das Unglück zu besiegen; Forum August/September 1994; S. 27/8.
[34] Yoshiharu Matsuno in einem Gespräch mit der Forum-Redaktion; Forum März 1994; S. 7/8.
[35] Daisaku Ikeda; Lotus-Sutra Erläuterung, 32.Teil; Forum April/Mai 1997; S. 49.
[36] Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins; S. 35.
[37] Einführung in den Buddhismus Nichiren Daishonins; S. 55.
[38] Roy Leighton; Wahre Ursache; Forum Januar 1994; S. 23.
[39] Shakyamuni; Übersetzung Borsig; Das Lotos-Sutra; S. 284.
[40] Thomas Oelschläger, Yukio Matsudo; Hon'in Myo oder "Die Wahre Ursache"; Forum Januar 1995; S. 14.
[41] Roy Leighton; Wahre Ursache; Forum Januar 1994; S. 23.
[42] Thomas Oelschläger, Yukio Matsudo; Hon'in Myo oder "Die Wahre Ursache"; Forum Januar 1995; S. 15.
[43] Nichiren Daishonin; jap. Gosho Zenshu, S. 863.
[44] Nichiren Daishonin; jap. Gosho Zenshu, S. 864.
[45] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung Teil 29; Forum April/Mai 1997; S. 36/7.
[46] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung Teil 28; Forum April/Mai 1997; S. 33.
[47] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung; Teil 29; Forum April/Mai 1997; S. 37-39.
[48] Nichiren Daishonin; Dt. Gongyo-Text; S. 14.
[49] Einführung in den Buddhismus Nitschiren Daischonins; S. 18.
[50] Einführung in den Buddhismus Nitschiren Daischonins; S. 20/1.
[51] Yasuji Kirimura; Grundzüge des Buddhismus; S. 152-4.
[52] Daisaku Ikeda; Ein Buddha ist ein Mensch; Forum Juni 1994; S.7.
[53] Erläuterung des Lotos-Sutras; 15.Kapitel; Forum Dezember 1994; S.28/9.
[54] Die Altersangabe variiert je nach Textquelle zwischen 29 und 42 Jahren.
[55] Fiorella Oldoni; Im Herzen der Lehre; Forum August/September 1995; S.27.
[56] Nichiren Daishonin; Dt. Gosho, Bd2, S.165.
[57] Nichiren Daishonin; Jap.Gosho, S.759.
[58] Daisaku Ikeda; Lotos-Sutra Erläuterung 20.Teil; Forum August/September 1996; S.45.
[59] Daisaku Ikeda; Neue menschliche Revolution; S.69.
[60] Lotos-Sutra, "Juryo-Hon"; 16. Kapitel.
[61] Das Lotos-Sutra, Übersetzung und Erläuterung von Hoben- und Juryo-Kapitel, S.41/2.
[62] Nichiren Daishonin; Dt. Gosho III, S.18.

 
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